CD-Rezension / Review / Kritik

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Morrissey Low In High School CD Cover

Morrissey „Low In High School“

(Etienne/BMG Rights Management/ADA/Warner)
Der Brexit? Das Beste, was Großbritannien passieren konnte. Der Ex-UKIP-Vorsitzende Nigel Farage? Ein Politiker, wie er im Buche steht. Sagt zumindest Morrissey. Dazu passt, dass er sich mal wünschte, England möge „sick to death of Labour and Tories“ sein. Nun, genau das ist es inzwischen – und läuft den Rechtspopulisten in die Arme. Fordert die Britpop-Ikone in der vordergründig flockigen Single „Spent The Day In Bed“ dazu auf, den Fernseher auszuschalten, weil die Medien nur Stuss erzählen, hört man gar die vermeintliche Lügenpresse trapsen. Morrissey – politisch fragwürdiger Zeitgenosse oder kalkulierter Provokateur, der genau weiß, welche Knöpfe er drücken muss? Fragen, die diese Rezension kaum klären kann – halten wir also lieber fest, dass „Low In High School“ eine schillernde Pop-Platte geworden ist, die mit „My Love, I’d Do Anything For You“ und dem Electro-rockenden „I Wish You Lonely“ eingangs laut aufdreht und die Missstände der Welt auf einem Bierdeckel zusammenstreicht. Zwar bleiben diese dem Hörer auch in „Who Will Protect Us From The Police?“, der Soldaten-Schelte „I Bury The Living“ und im orchestralen Abschluss „Israel“ erhalten, Produzent Joe Chiccarelli und der gewohnt kraftvoll agierende Gitarrist Boz Boorer sorgen aber gleichsam für Differenziertheit und Schärfe im Sound. Auch Kastagnetten und elegische Klavierballaden sind dabei – Morrissey-Jünger werden sich aber vor allem am swingenden Gitarren-Popper „Jacky’s Only Happy When She’s Up On The Stage“ weiden: Hier haben weder Verschwörungstheorien noch Schmachtereien das Sagen, sondern spricht eine gepeinigte Künstlerseele. Was diesem Album auf lange Sicht besser steht als großkariertes Wutbürgertum – jedoch nichts an seiner musikalischen Erhabenheit ändert.
Thomas Pilgrim

Rezension aus Sonic Seducer, Ausgabe 12/2017.