INHALT
CH 30: Dimmu Borgir "Progenies Of The Great Apocalypse", Zeraphine "Be My Rain", Faith And The Muse "Whispered In Your Ear", The Eternal Afflict "Purgatory", Psyche "Final Destination" (exklusiver Remix), Ohgr "Jako", Re-Work "Are You", X-Fusion "Dead Love", Say Y "Schwarzer Engel" (exklusiver Remix), Avaritia "Strangers", Marina Sirtis "Pretending", Cosmotron "The Antiparallel", Multimedia: The Klinik "Suffer In Silence" (Video), Phillip Boa And The Voodoo Club "Slipstream" (Video), Zeromancer - Interviewvideo, VNV Nation, And One, Zeraphine, In Extremo, Dimmu Borgir, Laibach, Phillip Boa, Faith And The Muse, Ohgr, Clan Of Xymox, Camouflage, Dave Gahan, Psyche, Marilyn Manson, Type O Negative, The Eternal Afflict, ASP, Velvet Acid Christ, Untoten, Samsas Traum, Sanguis Et Cinis, Avaritia, Blue Season, Chamber, Client, Coal Chamber, Coph Nia, Corvus Corax, Dark Runner, Elis, ESR, Illuminate, Kosheen, Last Dance, Lights Of Euphoria, Moonspell, Ordo Rasarius Equilibrio, Painbastard, Pomegranate, Re-Work, Revolution By Night, Shadowcast, Silent Waters, Slyde, X-Fusion, Zeromancer
VNV NATION
Dark Bandits on Tour
Es ist Samstag Mittag, irgendwo in Köln, und ein bisschen ärgere ich mich schon, dass ich das entscheidende Zeitfahren zwischen Jan Ullrich und Lance Armstrong verpassen werde. Andererseits ist der Anlass, der mich heute mit dem Ziel Flandrischer Hof durch die Kölner Innenstadt ziehen lässt, auch kein Schmutz: Schließlich ist es stets ein unterhaltsames und höchst kurzweiliges Vergnügen, mit den beiden VNV Nation-Boys Ronan Harris und Mark Jackson über Gott und die Welt - und in diesem konkreten Fall auch noch über ihre DVD "Pastperfect" - zu parlieren.
Derzeit befindet sich das Duo daher noch bis Mitte August auf einer Promo-Tour, die etwas bis dahin ziemlich Neuartiges darstellt; denn Ronan und Mark fungieren auf dieser Tour als DJs, die in den jeweiligen Clubs jedoch nicht nur auflegen, sondern auch Auszüge aus ihrer DVD "Pastperfect" zeigen und diese auch entsprechend moderieren. Also letztlich eine Kombination dessen, was die beiden schon einige Wochen zuvor beim Wave-Gotik-Treffen veranstaltet haben, damals jedoch noch auf zwei Tage verteilt. Während ich mir überlege, ob sich Ronan und Mark wohl auch für die Tour De France interessieren - immerhin macht dieses Großereignis nahezu jedes Jahr in Marks Wahlheimat Bordeaux Station -, sehe ich Ronan schon von weitem vor besagtem Hotel sitzen. Es ist der 26. Juli, ein freundlicher, warmer Sommertag! Ronan ist mit seinem Handy beschäftigt, während er mir mit der freien anderen Hand zuwinkt. "In der Hotellobby hat man keinen Empfang", empört er sich zur Begrüßung und grinst gleichzeitig: "Das ist wahrscheinlich das einzige Hotel Deutschlands, bei dem man zum Telefonieren auf die Straße gehen muss." Ich sehe schon, Ronan ist wie immer bester Laune, obwohl er auch heute morgen - wie schon zuvor bei den Gigs in Hamburg und Erfurt - wieder erst um 6 Uhr ins Bett gekommen ist. Allein, man merkt es ihm nicht an. Und auch Mark, der uns in der Hotel-Lobby erwartet, ist bester Dinge und sieht dazu sogar noch ausgeschlafen aus. Die beiden sind abreisefertig und neben ihren erstaunlicherweise nur zwei Gepäckstücken platzieren wir uns in einer vermeintlich ruhigen Sitzgruppe in der Empfangshalle. Auf ihre spartanische Ausrüstung hin angesprochen, erklären die beiden, dass sie für die DJ-Gigs nicht allzu viel benötigen. Als Technik-Freak und Computerspezialist vertraut Ronan beim Auflegen längst auf die Möglichkeiten eines Laptops, das lästige CD-Koffer-Schleppen entfällt somit.
PHILLIIP BOA & THE VOODOO CLUB
"...und Joy Division zum Frühstück!"
Bekenntnisse eines ehemaligen halben Popstars
Eigentlich hat er angefangen, weil er die Musik so liebte. Damals 1977 im tristen Dortmund. Die Sex Pistols inspirierten ihn zum ersten Gitarrenkauf und der Zweck heiligte auch damals schon die Mittel, auch ohne viel Talent, gute Musik zu machen. Heute ist jetzt ist hier. Mehr als ein Dutzend Alben und gute 18 Jahre später, nach diversesten musikalischen und privaten Höhe- wie auch Tiefpunkten sitzt Boa vor seinem Shake und spielt mit seiner Sonnenbrille. Mit "C 90" erscheint in diesen Tagen der 13. Longplayer von Phillip Boa & The Voodoo Club. Bestandsaufnahme. Entgegen vieler Künstlerkollegen ist der 2-m-Indierocker keineswegs abergläubisch, sondern rechnet auf "C 90" einmal mehr mit seiner Umwelt und auch sich selbst gründlich ab. "Wahrscheinlich bin ich schon 100-mal an einem Freitag dem 13. geflogen, so dass mir diese Zahl keine Angst macht. Ganz im Gegenteil: Die Arbeit an ‚C 90' war für mich wie eine Befreiung. Ich habe das erste Mal wieder nach sehr langer Zeit völlig entspannt geschrieben und komponiert. ‚The Red' war damals der erste Schritt, sollte radikal und provozierend sein, Schrägheit als Statement. ‚C 90' sind einfach ein paar schöne Songs, bei denen man sich die Frage stellen muss: Was kann Phillip Boa noch sein nach 18 Jahren als ein Songwriter? Es sollte eine gute Platte mit teilweise sehr aggressiv-schönen Stücken werden. Ich habe meine Angst vor Melodien verloren und kann heute die Songs ganz natürlich schreiben, ohne mir einerseits Gedanken machen zu müssen, ob eventuell zu wenig Ecken und Kanten drin sind und andererseits ohne meine Phobie, zu kommerziell zu sein. Man darf einfach nicht so viel über die Musik nachdenken!"
DIMMU BORGIR
Manisch misanthropisch
Wie schon im vorhergehenden Studioreport angekündigt, erwartet Anhänger von bombastisch inszeniertem Orchestral Black Metal erneut ein wahres Genrefreudenfest: Dimmu Borgir veröffentlichen mit "Death Cult Armageddon" ihr sechstes Studioalbum. Damit vollzogen die beliebten Norweger Dunkelfürsten einen immens wichtigen Schritt in ihrer Bandkarriere - denn der aktuelle Schwarzgeniestreich weist eine klug vollzogene Rückbesinnung zu anfänglich atmosphärischen Klangtugenden auf und richtet den kalten Dornenzeigefinger simultan auch in eine spieltechnisch viel versprechende Kompositionszukunft. Mittels massiver denn je zuvor eingebrachter Orchestrierung, welche dieses Mal durch ihren scheinbar überragenden Gigantismus gar an monumentale Hollywood-Filmsoundtracks erinnert, entströmt diesem wahren Akustikarmageddon meisterhaft episches Horrorflair von verzehrender und morbider Musikschönheit. Damit gelang dem beständigen Osloer Starsextett eine hochexplosive und fesselnde Schwarzstahlüberraschung, mit der wohl niemand gerechnet hatte, nicht einmal die eisernsten Fans. "Wir legten beim Songwriting zu ‚Death Cult Armageddon' Wert darauf, eine Mixtur aus altem und neuerem Material zu kreieren. Schließlich war es an der Zeit, sich darauf zurück zu besinnen, woher wir kommen und mit welchem Basissound wir aus dem Underground heraus groß geworden sind. Wir sehen uns immer noch als reinrassige Black Metal-Band. Zwar sind wir, wie speziell auf den letzten Alben ‚Spiritual Black Dimensions' und ‚Puritanical Euphoric Misanthropia' zu hören war, neuen Spielelementen nicht abgeneigt, jedoch werden wir zu keiner Zeit unsere Wurzeln verleugnen. Wir hören uns privat überwiegend Old School-Black Metal an, so dass uns dies immer noch entscheidend als Künstler prägt und Einfluss auf die von uns geschriebenen Stücke nimmt", lässt Sänger Stian Thoresen alias Shagrath zu Beginn unseres Dialogs betreffend des aktuellen Releases wissen. Der ausdrucksstarke Vokalist weiß, dass die Band mit dem aktuellen Werk natürlich nicht alle Fans zufrieden stellen kann: "Ich hoffe jedoch, neben den neueren vor allem unsere älteren Anhänger mit dem neuen Album zufrieden zu stellen, die von Anfang an dabei waren. So brachte ich diesmal auch wieder Gesangslinien in norwegischer Sprache in die Songs ein. Ich weiß, dass viele sich danach sehnten, solches wieder bei Dimmu Borgir zu hören." Nur zu verständlich, dies macht gerade für deutsche Fans seit jeher einen wohl nicht unerheblichen Reiz aus.
THE ETERNAL AFFLICT
Selbstreinigung und Läuterung
Durch die limitierte Maxi-Single "Godless" und ihren gefeierten Auftritt beim diesjährigen Wave-Gotik-Treffen ist es längst keine überraschung mehr, die kultigen Electro-Gothics aus dem Ruhrgebiet sind zurück! Mit "Katharsis", dem neuen Album, schließen sie im Grunde an ihr 1992er-Album "Trauma Rouge" an: Einfache, aber sehr energetische Synthie-Sequenzen und der zornige, aber nie EBM-typische Gesang von Cyan sorgen für eine Vielzahl tanzbarer Hits, bei denen aber auch Atmosphäre und Inhalte nicht zu kurz kommen. Mal sehen, ob der Band auch im Jahr 2003 das Kunststück gelingt, die EBM-Fraktion gleichermaßen wie die Gothics glücklich zu machen! Für das Interview nahmen sich neben den Gründungsmitgliedern Mark und Cyan auch noch die beiden Synthie-Götter PeeWee und Winus die nötige Zeit. Beide gehören auch schon lange zum festen Stamm; in guten wie in schlechten Zeiten. Sonic: In the beginning there was sinning... Am Anfang eurer langen Bandgeschichte habt ihr auch einmal bei einem Talentwettbewerb mitgemacht. Glaubt ihr, dies ist im Jahr 2003 noch immer ein guter Weg, um als junge Band voranzukommen? Gute Musik und sportlicher Wettbewerb haben doch eigentlich nichts gemein - bestes Beispiel dafür dürfte der ganze Casting-Mist derzeit im Fernsehen sein. Cyan: Wirklich ernsthafte Chancen hatten wir uns damals nicht ausgerechnet, eigentlich war das eher nach dem Motto "Wir haben wenigstens alles probiert, um auf uns aufmerksam zu machen." Wir konnten ja nicht ahnen, dass ein gewisser Winus Rilinger in der Jury sitzt und von uns so angetan war. Wenn man Erfolg haben will und beachtet werden will, sollte man auf jeden Fall so viel verschiedene Wege wie gerade möglich sind gehen, vielleicht die Bewerbung für Bohlens Sklavenmühle wieder in den Mülleimer schmeißen, aber ansonsten versuchen, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen, und alle Leute, die deine Musik gar nicht hören wollen, damit quälen bis sie irgendetwas für dich tun.
ZERAPHINE
Gothic, ohne Metal!
Ohne lange Vorankündigungen und den ganz großen Medienhype ist es nun also pünktlich ein Jahr nach dem erfolgreichen Debüt "Kalte Sonne" da, das zweite Album der Berliner Gothics. Größte Neuerung bei "Traumaworld" ist sicherlich der in der Hauptsache nun englischsprachige Gesang vom Kopf der Band, Sven Friedrich. Musikalisch hat sich die Band damit wieder ein bisschen mehr dem ursprünglichen Projekt von Sven und seinem alten Mitstreiter Norman, den Dreadful Shadows, angenähert. Sven, besagter Gitarrist Norman Selbig und auch der zweite Gitarrist der Band, Manuel Senger, nahmen sich an einem sonnig-warmen Tag die nötige Zeit bei Bier und Koffeinhaltigem für das alte Frage-und-Antwort-Spiel. Schauplatz dafür war das idyllische Straßencafé PowWow im schönen Berliner Bezirk Kreuzberg, unweit des Thommy-Hein-Studios und des Proberaums der Band. Klares Heimspiel also für Zeraphine! Fangen wir das Gespräch am besten doch dort an, wo der Studio-Report im letzten Sonic Seducer endete! Für einige Verwirrung sorgte nämlich die Passage, wo vom Besuch des HIM-Sängers bei Zeraphine im Studio die Rede war. Hat Ville Valo beim Album nun in irgendeiner Form im Studio mitgewirkt? Sänger Sven, wer sonst, übernimmt die Antwort: "Er hat uns einen Besuch im Studio abgestattet, da er gerade während seiner Promoreise in Berlin war. Es war einfach ein netter Abend. Wir kennen uns schon recht lange und schätzen uns gegenseitig. Für eine wirkliche Kooperation fehlte aber bislang die Zeit. Aber Ville hat für uns beim Billard-Spiel mit unserem Produzenten zwei Studiotage gewonnen." Weiterhin war in diesem Artikel auch von "punkigen Momenten" die Rede. Zeraphine und Punk, ein bisschen komisch, oder? Aber auch dies kommentiert Sven: "Schon. Wir haben die Aggressivität diesmal eher mit punkigen Gitarren als mit Metal-Gitarren umgesetzt. Es ist natürlich die Frage, was man unter punkig versteht. Das Album hat sicher nicht viel mit Punk im eigentlichen Sinne zu tun. Aber Songs wie ‚Wonderland' oder ‚Stop Pretending' haben für mich diesen Charakter."
ZEROMANCER
Sind sie zu weich, bist du zu hart
Mittlerweile hat es die Runde gemacht, dass Zeromancer auf ihrem am 01. September erscheinenden Album "Zzyzx" deutlich ruhigere Töne auffahren, als man es von ihnen gewohnt ist. Ende Juli haben sie mit "Famous Last Words" eine für das Album nicht gerade repräsentative Vorhut ins Rennen geschickt und damit nicht nur einen hohen Einstieg in die DAC-Charts und den Sprung ins Radio geschafft, sondern auch ihre Fans spontan in zwei Lager gespalten - die, die den Song an sich und ganz unabhängig von der Bandgeschichte mögen und sich freuen, wenn sie morgens im Radio Zeromancer statt Sarah Connor hören, und die, die anhand der Single in "Zzyzx" jetzt schon einen gefälligen, kommerziell ausgerichteten Sell-Out-Versuch ohne Seele herannahen sehen wollen, worin sie sich natürlich von jeder gewährten Minute Airplay auf einem öffentlichen Sender bestätigt fühlen. Sind Zeromancer weich geworden, oder ist "Zzyzx" Teil eines natürlichen musikalischen Emanzipationsprozesses, im Verlaufe dessen eine Band irgendwann dem Drang nachgibt, auch über die Grenzen eines kleinen Genre hinaus als Musiker ernst genommen werden zu wollen? Zzyzx, Kalifornien. Ein Wüstenkaff irgendwo zwischen Los Angeles und Las Vegas, gegründet von Curtis Howe Springer, der sich das knapp 5200 Hektar große Landstück in der Mitte von Nirgendwo 1944 illegal aneignete und dort unter anderem ein Hotel mit 60 Zimmern, eine Kirche, ein Heilbad in Form eines Kreuzes, ein Schloss, einen Radiosender und eine private Fluglandebahn, den Zyport, errichtete. Springer, der sich als Physiker und Methodistenpfarrer ausgab, aber nichts davon war, schickte 30 Jahre lang von seiner Radiostation aus ein religiöses Programm über den äther, in dem er predigte, Gesundheitstipps gab, geistliche Musik spielte und seine Hörer dazu aufforderte, ihm Geld zu spenden, um durch ihn wundersame Heilung zu erfahren. Er behauptete, Haare wieder wachsen zu lassen, Zellen verjüngen zu können und kannte selbst ein Mittel gegen Krebs. Seine Wundermedizin verkaufte sich in Spitzenzeiten in 50 Staaten der USA und über deren Grenzen hinaus. Und nicht selten erkauften sich Rentner mit ihren Lebensersparnissen das Privileg, eine Weile in einem spartanischen Quartier auf seiner Ranch hausen zu dürfen. "Wir sind ständig an diesem Schild vorbeigekommen, wenn wir von LA nach Vegas unterwegs waren. Irgendwann hat mich die Neugierde gepackt. Zzyzx ist buchstäblich der letzte Ort der Welt." Gewollt, oder nicht, ein Name mit Symbolcharakter. Nach "Eurotrash", mit dem Zeromancer anno 2001 ein selbstironisches Bekenntnis zu ihrer Herkunft ablegten, folgt nun mit "Zzyzx" die Bekenntnis zur Herkunft und den musikalischen Wurzeln dieser Band, geboren in der Stadt der Engel, wo sie 1999 aus der Asche eines anderen Ensembles stieg, dessen Auflösung ihnen von manchem heute noch nachgetragen wird: Seigmen.
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