CD-Rezension / Review / Kritik

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ostfront olympia

Ost+Front
„Olympia“
(Out Of Line/Rough Trade)
Mit „Ave Maria“ hat Mastermind Herrmann Ostfront vor einiger Zeit bewiesen, dass harte, kompositorisch rundherum gelungene Klänge der Marke Neue Deutsche Härte durchaus mit einem schelmischen Augenzwinkern, mit schaurig-humoristischer Morbidität vereinbar sind – und dass solche Kunst nicht nur den sechs Gründervätern des Genres gelingt. Diese Sechse, die durch die ganze Welt kamen, dürfen sich ja gerade die letzten Jahre zahlloser Epigonen erfreuen – falls sie das erfreut. Doch nicht einer dieser Acts erreichte den Scheitelpunkt zwischen verblüffender Kompositionskraft und raffinierter Textdichtung so zielgenau wie Ost+Front. Auf „Olympia“ wird diese Klangkunst konsequent weitergeführt, und man kann nur staunen über die Ohrwurmqualitäten, die in diesem Songreigen gebündelt auftreten. Anspieltipps hierfür: Na, da könnte man fast das gesamte Tracklisting liefern. Wermutstropfen für den Rezensenten indes: die Texte gehen für dessen Geschmack diesmal an mehreren Passagen definitiv einen Schritt zu weit: die Beschreibung rücksichtsloser Gewaltorgien, gerade auf dem sexuellen Sektor, bleibt der Hinkelstein, den sich das Genre NDH selber um den Hals gebunden hat – und weiterhin eine Vorlage für Skepsis oder offene Attacken gegen diese ‚männliche’ Spielart harter Musik. Die wollüstige Beschreibung menschenverachtender Taten wird oftmals als Anklage dargestellt, wo sie nie und nimmer eine solche ist. Herrmann Ostfront hingegen ist so ehrlich, diesen feigen Fluchtpunkt von selbstgefriemelter Rechtfertigung nicht zu nutzen. Immerhin.
Kym Gnuch

Rezension aus Sonic Seducer, Ausgabe 02/2014.