CD-Rezension / Review / Kritik

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Kadavar Rough Times CD Cover

Kadavar „Rough Times“

(Nuclear Blast/Warner)
Das, was die köstlich kauzigen Berliner auf diesem vierten Album abziehen, ist musikalische Magie. Mann muss „Rough Times“ unbedingt gehört haben, um das Lebensgefühl der damaligen Bewegung aus dem letzten Jahrhundert einmal so richtig nachspüren zu können. Als wäre die Zeit Anfang der 1970er einfach stehen geblieben, rock-hexen sich Kadavar mit intuitivem Gespür und unbändiger Laune durch fulminante Kompositionen. Vintage Rocker vielerlei Couleur werden weltweit aller Wahrscheinlichkeit nach einfach nur begeistert sein von den neuen Liedern, denn die Dichte an Glücksgriffen ist unerhört. Man widme sich nur mal dem gigantischen Übersong „Vampires“. Selten gelang das Zusammenbringen von einhelliger Unverbrauchtheit und reinstem Ideengold mit so überragender Klasse. Was für ein bodenlos wunderbares Hörerlebnis! Spacige Anklänge an frühe, frische Monster Magnet sind im mitreißenden „Tribulation Nation“ zu genießen, regelrechtes, akustisches LSD. Das Stück kann wie so vieles auf diesem Langdreher glatt zu einem Trip ohne Wiederkehr in die Realität werden. Das durchweg natürlich und unverkrampft bleibende Trio bringt exakt die atmosphärische, psychedelisch glaubwürdige Klasse hin, die sich in dem ganzen Neugenre noch niemand mit echter Überzeugung vorherzusagen getraut hat. Selbiges gilt auch für die wandelbar eingesetzte Stimme von Gitarrist Christoph ‚Lupus‘ Lindemann, dem man wirklich stundenlang zuhören kann, um immer mehr von seinem Können eingenommen zu werden. Auch das (ok)kultig beorgelte, luftig schwebende und gleichzeitig beschwerende „The Lost Child“ kriegt man so schnell nicht mehr aus dem Kopf samt seinen ergreifend dramatischen Refrains. Sensationell dabei ist auch der hingebungsvolle gepfiffene, weinromantische Ausklang! Selbst der bärhaarige, bunt verräucherte Gesamtsound der Platte legt einen nostalgisch ergiebig staubenden Samtschleier auf die Trommelfelle. „Rough Times“ ist eine tief stimulierende (Kraut)Rock-Offenbarung für die Ewigkeit.
Markus Eck

Rezension aus Sonic Seducer, Ausgabe 10/2017.
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Sunday the 19th.
2017 Sonic Seducer Magazin

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