CD-Rezension / Review / Kritik

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Glass Apple Bonzai In The Dark CD Cover

Glass Apple Bonzai „In The Dark“

(Artoffact/Cargo)
In der einen Hand den „Miami Vice“-Soundtrack, in der anderen den zu „Drive“, dabei mit Paul Hardcastle vorm geistigen Ohr einmal konzentriert bis „19“ zählen. Man ahnt es schon: Glass Apple Bonzai, das zweite Standbein von Daniel X. Belasco aus Toronto, der mit Defence Mechanism normalerweise düsteren Heavy Duty-Electro produziert, kommt zumindest mental geradewegs aus den Achtzigern. Und präsentiert sich als genauso plastikbuntes Vergnügen wie das vornehm ausgedrückt grafisch leicht überkandidelte Cover. Alles hier schreit nach Retro, Trash und Nostalgie – wer jedoch etwas genauer hinhört, wird feststellen, dass Belasco nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes diebisches Vergnügen an plüschigen Synthie-Shots, Vocoderstimmen und stotternden Sprach-Loops hat, sondern diese gründerzeitlichen elektronischen Mittel mit viel Gespür für Melodie und Songwriting verknüpft. Vor allem das Titelstück verblüfft mit akzentuiertem Arrangement und großem Spannungsbogen, und das überlange „A New Day Begins“ klingt zwar eher nach alten Tagen, hüllt den Hörer aber in eine herzerwärmend flauschige Synthie-Auslegeware zwischen Jean Michel Jarre und Tubeway Army. Auf „In The Dark“ wäre vermutlich sogar Timecop1983 aus Eindhoven, vermutlich derzeit konsequentester Verfechter des wohl künstlichsten Jahrzehnts der Popmusik, stolz wie Oskar. Und das will was heißen.
Thomas Pilgrim

Rezension aus Sonic Seducer, Ausgabe 02/2017.
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