CD-Rezension / Review / Kritik

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High Functioning Flesh Culture Cut CD Cover

High-Functioning Flesh „Culture Cut“

(Dais Records/Godbrain)
Zerstückelte Stimmfetzen, schmatzige Drummachines, künstliche Handclaps – ganz klar, wir befinden uns auf einer Electro-Dance-Maxi aus den eingehenden Achtzigerjahren. Nicht. High-Functioning Flesh aus Los Angeles gehören nämlich zu den Bands, die sich gern auf einfachste Mittel beschränken, statt unbedingt mit dem neuesten heißen Synthie-Scheiß hantieren zu müssen. Im sonnigen Kalifornien wähnt man Greg Vont und Susan Subtract ähnlich wie auf dem 2015er Album „Definitive Structures“ allerdings keine Sekunde: Ihre musikalische Heimat ist das graue, nebelverhangene England, in dem sich Früh-EBM-Bands wie Portion Control, AAAK oder auch Cabaret Voltaire in feuchten Kellerlöchern verschanzten, um industrielle Kälte und Trostlosigkeit zu vertonen. Vor allem an erstere erinnern weite Teile von „Culture Cut“ – schon aufgrund des rauen, oft in heisere Shouts ausbrechenden Gesangs, bei dem man augenblicklich alte Heuler wie „Chew You To Bits“ aus der Plattenkiste kramen möchte. Die Limitiertheit des Sounds und ihr streng analoger Charakter machen diese acht Stücke zu einem Vergnügen voll bohrender Konsequenz – und tut ein Song so, als wolle er sich New Romantic-Elemente oder melancholische Cold Wave-Fetzen einverleiben, fehlt diesen schon nach kürzester Zeit die Luft zum Atmen. Ein Album wie eine Dusche saurer Regen.
Thomas Pilgrim

Rezension aus Sonic Seducer, Ausgabe 09/2017.