CD-Rezension / Review / Kritik

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orson hethschel feed the tape


Orson Hentschel
„Feed The Tape“
(Denovali/Cargo)
Sturm und Drang aus Düsseldorf: Der in klassischer Komposition versierte Orson Hentschel präsentiert auf seinem in Fachkreisen mit Spannung erwarteten Debütalbum noch selten bis nie vernommene Formen von rhythmischer Impulsivität und mitreißender Wucht. Dabei überzeugt auf der musikwissenschaftlichen Ebene zunächst vor allem seine Art und Weise, Lehren aus der seriell-minimalen Musik à la Steve Reich zu ziehen: Repetitiv veranschlagte Phasenmodulationen sowie extreme Loopverdichtungen erwecken den Anschein, als ob die musikalischen Ereignisse jederzeit unvorhersehbare Wendungen nehmen könnten, ohne dabei ihr Vermögen einzubüßen, sich kontinuierlich ad infinitum zu steigern. Doch erweist sich Hentschel als Ökonom mit Augenmaß, indem er - vermutlich nicht nur instinktiv - genau weiß, wann seine Spannungsbögen an die Grenzen ihrer natürlichen Elastizität geraten. Den Selbstzweck der Redundanz lässt er nicht zu. Und dieses auf den Punkt gebrachte Timing kommt fürderhin der baren physischen Wirkung seiner Kompositionen zugute. Geschmackvoller lassen sich Hochdruck, Schmiss und Schmackes kaum inszenieren. Eine gewisse Lautstärke vorausgesetzt, vibriert, erbebt und erzittert die holde Fleischlichkeit bis ins Mark. Electronic Body Music einer neuen Generation.
Stephan Wolf

Rezension aus Sonic Seducer, Ausgabe 04/2016.