CD-Rezension / Review / Kritik

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erasure world be gone 2017
Erasure
„World Be Gone“
(Mute/GoodToGo)
Weia! Wenn sich jemand vom Opener „Love You To The Sky“ instinktiv mit Grausen abwendet, sei dies in nachvollzogener Weise verziehen. Und doch: Dieser Einstieg erinnert an einen Blender, wie ihn sich einst etwa Dredg mit „Another Tribe“ auf „Chuckles And Mr. Squeezy“ leisteten. 08/15-Schmock, der sich etwas später als großer Wurf erweisen sollte. Nun aber hinkt der Vergleich. Erasure standen schon immer für das Griffige und imperativ Mitreißende. Und für das mitschwingend Hinterfragende des eigenen Tuns. Auf „World Be Gone“ wird diese Tendenz fasslicher als je zuvor. Die offensiv zur Schau getragenen Melodramen aus Liebesschwur und Herzeleid erweisen sich als Sinnbilder für den Status, dem wir als Menschheit nach wie vor zu erliegen drohen. „Lousy Sum Of Nothing“ mag in diesem Sinne das Stärkste sein, was sich Vince Clarke und Andy Bell bislang erdacht - und dann auch ausgeführt - haben. Cheesy as fuck. Und doch so aufrichtig wie ein Beischlaf unter guten Freunden, die wissen, dass es auch dort draußen vor der Tür, die Privatsphäre von Anonymität trennt, noch andere Leben gibt. Leben, die es gilt, zum Nachdenken anzuregen. Auch darüber, ob sich eine intolerante bis gewalttätig zähnefletschende Gesinnung nicht mit einem fair gehandelten Kaffee zum Nachmittag überwinden lässt. Ob nicht doch - irgendwann - Empathie und Zuneigung, Zwang und Unterdrückung den Geschichtsbüchern überlassen bleiben können. Zumindest den Versuch dieses vermutlich allzu blauäugigen Gedankengangs ebnen Erasure in unvergleichlicher Weise: „Just A Little Love“.
Stephan Wolf



Rezension aus Sonic Seducer, Ausgabe 05/2017


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