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einstuerzende neubauten lament

Einstürzende Neubauten
„Lament“
(BMG Rights/Rough Trade)
Allerorten erinnert man in diesem Jahr an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Vor 100 Jahren wurde in Europa der Krieg industrialisiert, kam das Morden in der Moderne an. Für eine Gedenkfeier entwarfen Einstürzende Neubauten ihr neues Werk „Lament“, das weniger ein konventionelles Studioalbum ist als ein abstraktes Projekt über ein Ereignis der Weltgeschichte, bei dem 17 Millionen Menschen den Tod fanden. Aus diesem Blickwinkel muss es auch betrachtet werden, denn mit für Neubauten-Verhältnisse relativ kommerziellen Alben wie „Silence Is Sexy“ oder „Alles ist offen“ hat „Lament“ wenig zu tun. Doch wie erzählen Blixa Bargeld und die Band vom Krieg? Gründliche Recherchen haben sie angestellt, in Tonarchiven gestöbert und Fundstücke in Kompositionen wie „Lament: 3. Pater Peccavi“ eingearbeitet, geschichtlich geforscht und die kulturellen Hintergründe der am Krieg beteiligten Nationen beleuchtet. Sie stellen die Telegramme von Kaiser Wilhelm und Zar Nikolaus in „The Willy - Nicky Telegrams“ gegeneinander, die wie in einem musikalischen Strudel zur Mobilmachung führen. Krieg, das zeigen Bargeld & Co., kann nervenzehrend sein, qualvoll lang, wenn in „1. Weltkrieg“ der komplette Kriegsverlauf in 13 Minuten mit trockenen Percussions chronologisch nachgestellt wird. Er kann aber auch kulturelle Früchte tragen, wie „All Of No Man’s Land Is Ours“ unterstreicht: eine Adaption eines Liedes der Harlem Hellfighters, die den Jazz nach Europa brachten. Es ist einer der vielen ruhigen Augenblicke auf „Lament“, der den Krieg nicht, wie man angesichts des Neubauten-Werdegangs vermuten mag, nur als eruptive Lärmorgie und Stahlgewitter präsentiert, sondern zwischen den Zeilen die Momente der Einsamkeit der Schützengräben plastisch werden lässt. Den wahren Horror des Krieges können allerdings selbst Einstürzende Neubauten nicht greifbar machen.
Torsten Schäfer

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