CD-Rezension / Review / Kritik

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Andrew Paley Sirens CD Cover

Andrew Paley „Sirens“

(Make My Day Records/Indigo)
Es muss nicht immer düster sein. In diesem Magazin ein gewagtes Statement, das hier aber zutrifft: Andrew Paley hatte irgendwann die Nase voll davon, immer nur bei seiner altgedienten Goth-Rock- und Post-Punk-Band The Static Age den finsteren Frontmann zu geben – und nahm 2014 „Songs For Dorian Gray“ auf, eine 7-Track-EP mit behutsamem Singer-Songwriter-Material, die wenig mehr benötigte als ihn und seine Gitarre. Zwar rekrutierte der Mann aus Vermont daraufhin mit Leuten von Texas Is The Reason und Last Days Of April ausgewiesene Emo-Mitmusiker, das defensive Moment herrscht aber auch auf seinem ersten Longplayer „Sirens“ vor – nicht zuletzt, da dieser gut zur Hälfte aus „Songs For Dorian Gray“ besteht. Die zwölf Stücke sind fragil, tief empfunden und meist sparsam instrumentiert – nur vereinzelt schaut wie in „Let Me Go“ schüchtern eine verhuschte Drummachine um die Ecke. Der Rest von „Sirens“ erhält mit zarter Akustikgitarre, elegischem Piano und gelegentlichen Streichereinlagen eine kontemplative, zuweilen fast religiös beschwörende Note, und vor allem in den ersten Stücken könnte man Paley auch mit dem sehnsüchtigen Michael Stipe aus dem R.E.M.-Klassikern „Everybody Hurts“ oder „Nightswimming“ verwechseln. Und so trägt dieses Album seinen Titel zu Recht, da es nicht durch Lautstärke, sondern mit unterschwelliger Verführungskunst beeindruckt und lange hängenbleibt. Genau das Richtige nach einer stressigen Post-Punk-Party.
Thomas Pilgrim

Rezension aus Sonic Seducer, Ausgabe 12/2016.