Skinny Puppy - der letzte Streich, Interview Nivek Ogre
Time Tunnel: Skinny Puppy
„Der letzte Streich!“

(aus 05-98)

In mehreren Hinsichten haben Skinny Puppy der Welt auf Trab gehalten, ihr Industrial Sound prägte mehrere Musikgenerationen und auch die Eskapaden auf und hinter der Bühne waren das Gesprächsthema im Underground. Zu den Verehrern der Vancouver'schen Schule gehörte in den 90ern auch Trent Reznor, Mastermind der Industrial Rock Wegweiser Nine Inch Nails. Als die mit "The Downward Spiral" durchbrachen, wurde auch cEvin Key und Nivek Ogre geraten, ihre kranken Electronics mit harschen Stromgitarren zu würzen, um auf der Erfolgswelle mitzuschwimmen. Eine Herausforderung, die die Kanadier zuerst annahmen, sich jedoch schon rasch nicht mehr heimisch in den eigenst kreierten Klangwelten fühlten. "The Process" hatte in gewisser Art und Weise die Seuche an sich kleben und riss Skinny Puppy völlig auseinander. Kultkeyboarder Dwayne Goettel starb an einer Überdosis und auch um die beiden anderen Junkies blieb es erst einmal lange still. Im Jahre 1998 erschien mit "Remix DysTemper" zumindest vom Label Nettwerk ein Versuch, Puppy wieder neu zu ordnen, doch Key und Ogre fanden stattdessen in zahlreichen Soloprojekten Zuflucht vor der wilden Vergangenheit. Dieses Interview aus Sonic Seducer 05-1998 ist eine authentische Momentaufnahme über die Lage im Puppy-Lager. Besonders Sänger Ogre ist mit dem Kopf schon bei seinem ganz frischen und weirden Electroprojekt ohGr (1998 noch unter dem Arbeitstitel W.E.L.T. geführt), das zum Zeitpunkt des Interviews erst vorm Anfang stand, dieser Tage jedoch mit "Devils In My Details" Album Nummer 3 veröffentlicht. Ein guter Stimmungsmacher, wie wir finden. Wie immer: Viel Spaß beim Zeitreisen im Time Tunnel!



Nach dem jüngst erschienenen Skinny Puppy-Tribute-Sampler „Hymns Of The Worlock“, der eher zweifelhafte Neuinterpretationen bewährter Skinny Puppy-Songs zum Gegenstand hatte, kommt in diesen Tagen nun ein vom kanadischen Nettwerk-Label in Auftrag gegebenes Remixalbum heraus, das den Namen „ReMix Dys Temper“ (Nettwerk/ Indigo) trägt und den kanadischen Electro-Ikonen cEvin Key, Dwayne R. Goettel selig und Nivek Ogre samt ihren Meilensteinen düster-elektronischer Musik deutlich mehr zur Ehre gereicht als manch lieblos zusammengestelltes Tribute-Album. Was Nivek Ogre alias Kevin Ogilvie, über Jahre Frontmann und Stimme der unvergessenen Band, über „ReMix Dys Temper“ und über alte und neue Anekdoten bezüglich der großen Band von einst denkt, verriet mir der überaus sympathische Kanadier in einem ausführlichen Telefonat.



Lange Zeit war es still um Skinny Puppy! cEvin Key konzentrierte sich auf Download, jenes Intelligent Techno-Projekt, welches er zu Lebzeiten Goettels mit diesem initiierte und, wäre es nach Key gegangen, auch ein Vorbote für die neue musikalische Richtung von Skinny Puppy werden sollte, was aber für Ogre nicht in Frage kam. Ogre hingegen trat mehr als ein Jahr musikalisch überhaupt nicht in Erscheinung, bis er vor wenigen Monaten zusammen mit Martin Atkins eine für viele überraschende CD unter dem Namen Ritalin herausbrachte. „Ursprünglich wollte ich ja nach dem Ende von Skinny Puppy mit W.E.L.T. weitermachen. Aufgrund der Streitigkeiten mit unserem damaligen Label American Recordings konnte ich das bereits eingespielte Material, welches zu diesem Zeitpunkt bereits 16 Songs umfaßte, zunächst nicht veröffentlichen, später, als American dann nach langem Disput schließlich doch einlenkte, wollte ich dann nicht mehr. Da ich aber vertraglich an sie gebunden war, ließen sie mich das verbleibende Jahr noch absitzen. Das war sehr frustrierend für mich. Andererseits wollte ich natürlich bei dem Label, das mir so viel Ärger eingebracht hatte, nichts mehr veröffentlichen, so daß ich die Sperre eben in Kauf nahm.“
Diese Zeit ist nun Gott sei Dank vorüber, und so sprüht Ogre dann auch nach einer langen kreativen Ruhepause jetzt voller Tatendrang. „Zusammen mit Mark Walk, mit dem ich W.E.L.T. damals ins Leben rief, bin ich seit einiger Zeit im Studio, um endlich die schon lange geplante CD herauszubringen. Leider können wir unseren Bandnamen nicht beibehalten, da es offensichtlich bereits eine amerikanische Punkband mit dem Namen W.E.L.T. gibt. Ein neuer Name steht aber noch nicht fest. Jetzt wollen wir erst einmal genug neues Songmaterial einspielen, um endlich einmal etwas zu veröffentlichen. Die alten, bereits fertigen Songs gehören rechtlich gesehen ja American Rec., die konnten wir also leider nicht verwenden. Ich habe zwar keine Ahnung, was sie damit machen wollen, aber das ist mir eigentlich auch egal. Dieses Kapitel ist zum Glück endlich abgehakt.“
Nicht ganz abgehakt scheint dagegen das Kapitel Skinny Puppy, zumindest -und das ist das Erstaunliche- von cEvin Keys Seite. „Wir trafen uns vor einiger Zeit zufällig auf der Geburtstagsparty unseres gemeinsamen Freundes Genesis P. Orridge; da haben wir das erste Mal seit langer Zeit wieder miteinander gesprochen und es war okay. Später haben wir dann des öfteren via Internet kommuniziert und cEvin meinte irgendwann, daß er Material für Skinny Puppy geschrieben hätte. Aber zur Zeit kommt das für mich nicht in Frage, zumal ich meine ganze Energie in die Musik, die ich mit Mark mache, stecke. Ich glaube auch nicht, daß es überhaupt noch einmal ein Skinny Puppy-Album geben wird. Diese Zeiten sind einfach vorbei.“
Angesichts dieser Aussagen von Nivek Ogre verwundert es kaum, daß die Idee, ein Remixalbum zu machen, auch nicht von ihm, sondern von cEvin kam. „Ursprünglich stammt die Idee zu „ReMix Dys Temper“ wohl von cEvin, inwieweit unser altes Label Nettwerk dahintersteckt, weiß ich nicht. Als cEvin mir dann von diesem Vorhaben erzählte, fand ich den Plan eigentlich ganz gut und bin quasi auf den fahrenden Zug aufgesprungen, indem ich mit Mark Walk unseren alten Hit „Smothered Hope’“remixte und zudem Steven Gilmore (lange Zeit zuständig für das Artwork der Skinny Puppy-Alben - d. Verf.) als Grafiker verpflichtete.“ Der Remix von „Smothered Hope“ zeigt dann auch schon deutlich an, in welche Richtung die Musik von Ogre und Walk geht, und, daß Ogre die alten Skinny Puppy-Zeiten keineswegs gänzlich abgeschüttelt hat. Und auch sonst hält das Album einige Überraschungen bereit. Denn das dargebotene Spektrum reicht von Big Beat-Remixen über groovige Gitarrenstücke wie der Mix der Deftones bis hin zu hervorragenden Electro-Knallern wie beispielsweise Rhys Fulbers Interpretation von „Worlock“. Darüber hinaus konnte man mit Gang Starr auch einen waschechten Rapper für das Projekt gewinnen, so daß mit „ReMix Dys Temper“ schließlich eine enorme Bandbreite abgedeckt wird.
Daß dies den eingefleischten Puppy-Fans ein Dorn im Auge sein könnte, ist Ogre bewußt, aber er hält das Konzept des Albums dennoch für stimmig. „Natürlich habe ich auch erst einmal geschluckt, als ich hörte, daß uns ein Rapper remixen sollte. Aber ich denke, man sollte nicht so engstirnig sein und sich erst einmal anhören, was die Leute so zu bieten haben. Und schließlich kommt ja jeder doch auch irgendwie auf seine Kosten, der Freund alter Industrialsounds ebenso wie Liebhaber moderner Elektro-Beats in Form von Drum’n Bass und Big Beat. Ich muß sagen, daß mir eigentlich alle Mixe sehr gut gefallen, da jeder für sich etwas Besonderes ist.“ Es scheint, daß Ogre seine Meinung gerade in Bezug auf moderne Tekkno-Sounds inzwischen geändert hat, waren die diesbezüglichen Ideen cEvin Keys zu Skinny Puppy-Zeiten doch noch ein rotes Tuch für ihn und nicht selten ein Anlaß für heftige Differenzen. „Natürlich ist Tekkno nicht gleich Tekkno. Nach wie vor gibt es eine Menge Sachen aus diesem Genre, die mir nicht gefallen, aber das geht mir bei Industrial oder EBM genau so. Außerdem muß man einfach akzeptieren, daß sich die Musik weiterentwickelt und einem ständigen Wandel unterliegt, und das ist ja letztlich auch gut so.“ Und so hat Ogre denn auch überhaupt kein Problem damit, daß die beiden anderen Urgesteine elektronischer Musik, Front Line Assembly und Front 242, nun ebenfalls tekknoidere Pfade beschreiten. „Ich mag die neuen Sachen von Front Line und auch von Front. Es kann und sollte niemand erwarten, daß diese Bands noch die Musik von vor zehn, fünfzehn Jahren machen. Das, was sie jetzt produzieren, ist einfach zeitgemäß. Und es ist immer noch gut.“
Und daß es zumindest die vier Belgier auch auf der Bühne noch voll bringen, ist auch kein Geheimnis, so daß es hier eigentlich einen Ansporn für Ogre geben sollte, es den Mitstreitern von einst gleichzutun. „Natürlich will ich mit Mark zusammen auf Tour gehen, wenn unsere CD fertig ist. Es sind auch schon einige Sachen in Planung, wie beispielsweise eine Video-Show. Allerdings müssen wir zunächst einmal ein Label finden, daß unsere CD vermarktet und auch über die finanziellen Mittel verfügt, eine etwas aufwendigere Live-Show zu ermöglichen. Darin sehe ich momentan noch ein kleines Problem. Wir stehen derzeit mit drei Labels in Verhandlungen, die alle sehr interessiert an unserem Material sind. Ich denke, in den nächsten Wochen ist das Thema vom Tisch, und wir können uns wieder voll auf die Musik konzentrieren.“ Ob man dann allerdings auch in Deutschland gleich in den Genuß einiger Live-Gigs kommen wird, bleibt abzuwarten, da es nicht zuletzt davon abhängt, wie das Album von Nivek Ogre und Mark Walk in unseren Breitengraden aufgenommen wird.



Text; Marc Urban
www.skinnypuppy.com/

 
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