Rammstein - Berlin in Flammen Teil 2, Interview Richard Kruspe
Rammstein - Berlin in Flammen Teil 2
(aus Sonic Seducer 10-99)

Alle Welt ist im Rammstein Fieber und das vollkommen zurecht. Am 16.10. erscheint das neue lang erwartete Album „Liebe ist für alle da“, im November startet die Band um Frontmann Till Lindemann ihre große Europatour. Grund genug, dass Sonic Seducer sich in der Ausgabe 10-09 ausführlich mit dieser Ausnahmeband beschäftigt. In der Titelstory mit exklusiven Fotos erzählt Gitarrist Richard Kruspe alles über das neue Album der Rammsteiner. Zehn Jahre zuvor gab Richard uns schon mal die Ehre und beantwortete uns alle Fragen zum damals erschienenden Album „Live aus Berlin“. Viel Spaß beim zweiten Teil dieser kleinen Zeitreise!




Bereits in der letzten Ausgabe erzählte uns Richard einiges über das aktuelle Livealbum “Live aus Berlin” und das dazugehörige Video. Was Richard mit Marilyn Manson gemeinsam hat, wieso Till und Flake Bekanntschaft mit der amerikanischen Zensur gemacht haben und Informationen über die weitere Entwicklung des Sextetts bekommt ihr im folgenden zweiten Teil unseres Interviews mit Richard Kruspe...

Sonic: “Bück dich!” scheint nicht nur hier in Deutschland Stein des Anstoßes zu sein, sondern auch in Amerika, wo Till und Flake von der örtlichen Polizei einkassiert wurden. Was mich daran wundert, ist die Tatsache, daß dies von der Polizei in New Orleans, was immerhin im tiefsten Süden liegt, toleriert wurde, aber im Staat Massachussettes verboten wurde. Wie sieht eure Liveperformance nach diesem “Erlebnis” in den USA aus?
Richard: Der Grund für diese kontroverse Verhaltensweise liegt woanders. Am Tag vor unserem Gig hat dort eine Band gespielt, die sich auf der Bühne ausgezogen hat, und da wollte die örtliche Polizei ein Exempel statuieren, um in Zukunft solchen Shows vorzubeugen. In Amerika sind die Leute sexuell so unfrei, daß sie viel gewalttätiger sind als in Deutschland. Ich bin der festen Meinung, daß in Amerika die Gewaltrate weit zurückgehen würde, wenn man dort etwas freier mit dem Thema Sexualität umginge. An unserer Show haben wir nichts geändert.

Sonic: Um noch einmal auf eure CD zurückzukommen: Wenn man sich im Vergleich mit eurem “Herzeleid” Album das Cover von “Live aus Berlin” ansieht, so fällt einem der Unterschied mit einem Blick auf. Auf der einen Seite der nackte Oberkörper, auf der anderen die Anzüge, das Schwarzweißphoto und die seriösere Ausstrahlung...
Richard: Das “Herzeleid” Cover finde ich mittlerweile so ekelhaft, daß ich es mir nicht mehr ansehen kann. Zum Glück hat man für die Veröffentlichung das Cover abgeändert. Aber mit dem Begriff seriös kann ich nicht soviel anfangen, da wir das Bild auch vor unserem ersten Album hätten machen können.

Sonic: Vor zwei Jahren habt ihr zum David Lynch Film “Lost Highway” zwei Tracks beigesteuert und gerade jetzt wieder für den Film “Matrix”. Würdest du sagen, daß “Lost Highway” der Beginn eures Erfolges in Amerika war?
Richard: Dieser Soundtrack hat zumindest etwas angeleiert, aber auf einem sehr niedrigen Level. David Lynch ist nicht so groß in Amerika, wie man denkt. Er ist schon bei vielen Leuten, die sich mit dieser Szene auseinandersetzen, bekannt, gar keine Frage. Aber es ist kein Mainstream und nicht so kommerziell wie “Matrix”. Der eigentliche Durchbruch war “Du hast”, was im dortigen Radio sehr oft gespielt wurde. Aber auf jeden Fall hat “Lost Highway” dazu beigetragen, was ein sehr schöner Nebeneffekt war, da ich den Film auch sehr gut fand. Beim ersten Mal, als ich “Matrix” gesehen habe, fand ich ihn wirklich sehr gut, da die Effekte in diesem Film sehr gut sind, und beim zweiten Mal fand ich ihn sehr philosophisch, weil er verschiedene Ebenen anspricht, die ich persönlich sehr interessant finde. Ich glaube daran, daß Menschen Filme machen, deren Inhalte man sich noch gar nicht als real vorstellen kann, und irgendwann bewegen sich die Menschen dorthin. Frag mich jetzt bitte nicht warum, aber irgendwie glaube ich daran. Ich habe übrigens eine sehr gute Band in Amerika entdeckt, namens Sexus. Die Jungs spielen sehr eingängigen und verdammt coolen Industrial. Das ist ein absoluter Insidertip.

Sonic: Wie sehen deine Aktivitäten neben Rammstein aus? Besteht ein Interesse an Projekten mit einigen anderen Bands oder in anderen musikalischen Bereichen? Ich frage deswegen, weil du gerade die New Yorker Band erwähnt hast. Gibt es irgendwann neben dem Musiker auch den Produzenten Richard Kruspe?
Richard: Leider fehlt uns die Zeit, um solche Projekte zu verwirklichen. Was mir persönlich sehr viel Spaß macht, ist die Arbeit an Remixen, aber leider konnte ich aus Zeitgründen erst einen für Faith No More machen. Ich würde auch sehr gerne einige Bands produzieren. In New York, wo ich zeitweise lebe, gibt es zwar nicht sehr viele gute Bands, aber hinter einigen von ihnen steckt eine Menge Potential, wie zum Beispiel die eben genannten Sexus, und ich hoffe, daß ich mich irgendwann einmal mit diesen interessanten Tätigkeiten auseinandersetzen kann.

Sonic: Stichwort Amerika und Columbine High-School: In den Nachrichten war die Rede davon, daß deutsche Bands (KMFDM, Rammstein etc.) Vorbilder für diese beiden kranken Hirne gewesen sind. Als dieses Thema in den Nachrichtenmagazinen behandelt wurde, wurde der Name Rammstein zwar nicht mehr erwähnt, aber dennoch durch die Medien damit in Verbindung gebracht. Wie siehst du persönlich diese Nachrichtenmitteilungen?
Richard: Das hat man so in Deutschland gehört. Ein Freund, ich war gerade in Amerika, hat mich angerufen, da er die Tagesthemen der ARD gesehen hat, wo man zwei Kids dieser Trenchcoat-Mafia gefragt hat, welche Musik sie denn hören würden. Die beiden haben von alleine den Namen Rammstein gar nicht erst erwähnt, sondern nur Marilyn Manson und KMFDM. Erst auf die rhetorische Frage des Journalisten meinten die beiden, daß sie ab und an mal Rammstein hören würden. Und was hat man daraus gemacht?

Sonic: Nur Rammstein...
Richard: Richtig. Deutschland hat ein Problem mit uns und da kommen solche Meldungen dabei heraus. Gerade in der heutigen Zeit, wo es um hohe Einschaltquoten geht oder um eine verkaufte Auflage, wird immer wieder versucht, irgendwelche Themen zu verbinden. Solange es Rockmusik gibt, werden Bands für gesellschaftliche Mißstände verantwortlich gemacht. Das war bei Black Sabbath der Fall, bei Judas Priest und es wird immer so weitergehen, weil es auch sehr einfach ist. An den eigentlichen Ursprung geht man gar nicht heran. Denn wenn man den näher beleuchten würde, würde man sich selbst fragen müssen, was hier los ist, was für ein Waffengesetz in Kraft getreten ist und wie leicht man sich in Amerika eine Waffe besorgen kann. Hier in Deutschland gibt es auch viele Rammstein Fans, und von denen geht keiner in die Schule und knallt da seine Mitschüler ab. Die Situation in den USA und auch hier macht mich sehr traurig und ich komme ins Grübeln, da ich selbst eine Tochter habe, die in die Schule geht. Es gab diesbezüglich einen sehr guten Kommentar von Marilyn Manson: ‘Als Kain Abel erschlugt, gab es noch keine Musik...’, und dem kann ich mich nur anschließen.”

Sonic: In der Vergangenheit haben sich sehr viele Medien mit der Band Rammstein beschäftigt. Um die dabei gemachten Behauptungen nicht zum x-ten Mal aufzuwärmen, möchte ich dir eine letzte Frage zu diesem Thema stellen: Seid ihr es nicht langsam leid, daß euer Name mit einschlägigen Bands nahezu in einem Atemzug genannt wird?
Richard: Da ich nicht so oft hier bin, bekomme ich das nicht so sehr mit. Für mich selbst ist es immer hilfreich, wenn unsere Fans und andere Musiker, die schon sehr lange in diesem Geschäft sind, von unserer Musik und unseren Shows begeistert sind. Solche Sachen helfen mir persönlich dabei, diese Kommentare aus Deutschland zu vergessen.

Sonic: Gibt es von eurer Seite aus schon einige Vorstellungen, was wir vom neuen Studioalbum erwarten können, gerade weil du zu Anfang unseres Interviews (siehe letzte Ausgabe) gesagt hast, daß das aktuelle Livealbum eine Art Schlußstrich unter die beiden regulären Studioalben zieht...
Richard: Eine Vorstellung habe ich auf jeden Fall, nämlich all das, was in meinem Kopf abgeht, aber es ist noch nicht die Zeit dagewesen, das alles zu verwirklichen. Wenn etwas Zeit da war, habe ich mich mit Till zusammengesetzt und einiges ausprobiert. Ich glaube aber nicht, daß man sich grundsätzlich verändern kann. Du bist einfach so wie du bist, spielst Gitarre und hast ein gewisses Harmonieempfinden. Ich hoffe, daß man sich immer ein Stückchen verändert. Es gibt bestimmte Veränderungen, die ich sehr mag, Depeche Mode ist da ein gutes Beispiel, da die Veränderungen, die die Band vorgenommen hat, durchaus logisch und nachvollziehbar waren. Und das finde ich sehr wichtig, daß man eine Band noch erkennt und trotzdem hört, daß sich etwas verändert hat. Und das würde ich mir für unser neues Album auch wünschen, und ich kann dir sagen, daß das auch passiert.

Man darf also gespannt sein, mit welchem Geniestreich uns die Herren zu Beginn des neuen Jahrtausends verwöhnen werden.
Interview: Carsten Böhme und Tobias Rösner
Text: Carsten Böhme

www.rammstein.de
 
< zurück   weiter >