Rammstein - Berlin in Flammen, Interview Richard Kruspe

Rammstein - Berlin in Flammen
(aus Sonic Seducer 09-99)

Die Herren von Rammstein können auf eine beeindruckende Karriere zurückblicken. Sie sorgten für reichlich Provokationen mit ihren Songs und für jede Menge Furore mit ihren beeindruckenden Liveshows. Beschert wurden sie dafür mit weltweitem Erfolg. Für Oktober 2009 ist nun das sechste Studioalbum von Rammstein angekündigt, wozu Ihr im aktuellen Sonic Seducer einen ausführlichen Studiobericht findet. Aber schauen wir noch einmal zehn Jahre zurück. In der September-Ausgabe 09-99 stand uns Gitarrist Richard Kruspe Rede und Antwort zum Album „Live aus Berlin“...



Als vor vier Jahren das Debütalbum “Herzeleid” der fünf aus Berlin stammenden Musiker erschien, konnte niemand ahnen, daß diese Band nach der Veröffentlichung ihres Zweitwerks “Sehnsucht” nicht nur nationale Erfolge feiern können würden, sondern auch in den Staaten schnell Fuß fassen würden. Neben den Texten und der Musik konnten Rammstein vor allem durch ihre spektakulären Live-Shows von sich Reden machen. Diese atmosphärisch sehr dichten und beeindruckenden Gigs sind auch der Anlaß für uns gewesen, ins Kölner Hyatt zu fahren, um unseren stetig wachsenden Wissensdurst zu befriedigen. Dort, wo vor einigen Wochen noch Scharfschützen auf der Lauer lagen und Mr. Clinton seine Zigarren geraucht hat, trafen wir Gitarrist Richard, der nicht nur allerlei Interessantes über das Video und die CD “Live aus Berlin” zum Besten gab, sondern darüber hinaus mit uns über zukünftige Tätigkeiten sprach. Lest nun den ersten Teil des Interviews mit Richard Kruspe...

Sonic: Euer erstes Live-Album “Live aus Berlin” ist nicht nur für mich nach gerade mal zwei Studioalben eine relativ unerwartete Veröffentlichung. Wieso gerade jetzt?
Richard: Das kommt einfach aus dem Grunde, daß eine Band, die mit ihrer Musik auch im Ausland Erfolg hat, praktisch zwei Jahre dranhängen muß. Das heißt, daß das “Sehnsucht” Album zwei Jahre nach der Veröffentlichung in Deutschland auch in Amerika veröffentlicht wurde. Für uns war es auch wichtig, daß wir mit diesem Live-Album eine gewisse Epoche abschließen, daß wir sagen, wir haben jetzt dreieinhalb Jahre die beiden Alben gespielt, so daß “Live aus Berlin” ein würdiger Abschluß ist. Zweitens sehe ich diese Veröffentlichung immer in Bezug auf das Video, das wir sehr lange vorbereitet haben. Ich wollte immer schon mal ein Betrachter unserer eigenen Live-Shows sein.
Sonic: Im Gegensatz zu vielen anderen Livemitschnitten ist “Live aus Berlin” ein sehr gut produziertes Live-Album, sowohl in optischer, als auch akustischer Hinsicht geworden. Einen besonderen Standpunkt bei euren Konzerten haben zweifelsfrei die pyrotechnischen Effekte, die sehr gut auf dem Video zur Geltung kommen. Worauf habt ihr als Band besonders viel Wert gelegt?
Richard: Letztes Jahr im August waren die beiden Shows in der Wuhlheide in Berlin, und wir haben versucht, alles zu berücksichtigen, was wir uns unter einer Show vorstellen. Wir haben fast ein halbes Jahr vor diesen beiden Gigs mit den Vorbereitungen begonnen, diese Gigs zu planen. Wir wußten ganz genau, daß wir nur diese beiden Termine zum Spielen hatten. Wenn irgend etwas schief gelaufen wäre, dann wären wir noch einmal ins Studio gegangen und hätten das Album noch einmal überarbeitet. Wir haben unseren Produzenten und unseren Techniker mit einbezogen, der normalerweise die Studioplatten mischt. Als wir die Aufnahmen gehört haben, waren wir alle mit der Qualität zufrieden, so daß wir es im Endeffekt so gelassen haben, wie es war. Die Grundidee war ursprünglich noch etwas anders: Wir wollten die Atmosphäre unserer Konzerte auch mit in diesen Mitschnitt einbauen, vor allem das Publikum. Das hat aber leider nicht so funktioniert, wie wir es uns gedacht hatten, da es sehr stark geregnet hat und die Leute nicht in richtiger Stimmung waren, um mitzusingen.
Sonic: Wie von vielen anderen bekannten Bands, so gibt es auch von Rammstein sehr viele schwarz aufgenommene Livealben, die reißend Absatz finden, da sie oft nur in geringer Stückzahl erscheinen. Gerade im Bereich der harten Musik schwören viele Musikfans lieber auf das rohere Bootleg als auf professionelle, lizensierte Livealben.
Richard: Ja, ich weiß. Das ist auch mit ein Grund gewesen für die Veröffentlichung unseres eigenen Livealbums. Natürlich hat das auch mit Geld zu tun, ganz klar, aber in erster Linie wollen wir für unsere Fans ein Album herausbringen, das von der Produktion und vom Sound viel besser ist als jedes Bootleg. Ich kann mir nicht ganz vorstellen, daß sich viele Leute lieber ein Bootleg mit miserabler Qualität kaufen als eine reguläre Livescheibe.Sonic: Gibt es überhaupt als Band eine Möglichkeit, gegen diese Veröffentlichungen etwas zu unternehmen?
Richard: Wir probieren schon seit sehr langer Zeit, gegen diese Veröffentlichungen vorzugehen, aber es ist ein sehr schwerer und vor allem langwieriger Weg. Wenn wir ein inoffizielles Bootleg im Laden sehen, dann bekommt zuerst der Inhaber ein paar auf den Deckel. Wir haben sogar schon Anwälte eingeschaltet, aber bis man eindeutig sagen kann, wer dieses Bootleg veröffentlicht hat, sind die Jungs schon weit weg. Man kann dies als Band überhaupt nicht kontrollieren.
Sonic: Auf euren Tourneen durch Amerika und Deutschland habt ihr mit den verschiedensten Vertretern musikalischer Spielrichtungen (u.a. Korn, Soulfly und Kiss) zusammen gespielt. Wie sind eure Erfahrungen bislang gewesen, wenn ihr mit reinen Metal/Hardrock Bands auf Tour gewesen seid?
Richard: Das hat uns überhaupt noch nicht interessiert, mit wem wir zusammen auf Tour sind, ganz im Gegenteil. Das fing damals auch schon an, als wir im Vorprogramm der Ramones gespielt haben. Für mich als Musiker ist es interessant, Dinge zu komponieren, die einfach nicht gut zusammenpassen. Aus diesem Grund sind auch Rammstein entstanden, da ich einerseits das harte Riffing der Metal-Musik mag, auf der anderen Seite aber auch die Melodien aus der Popmusik. Deswegen spiele ich auch lieber auf Festivals, und diese musikalische Bandbreite, die man auf einem Festival geboten bekommt, versuchen wir auch bei unseren Gigs zu bieten.
Sonic: Wo siehst du persönlich den Unterschied zwischen euren Tourneen in Deutschland und Amerika?
Richard: Zum einen sind die Entfernungen in Amerika viel größer. Wir mußten manchmal am Tag bis zu 17 Stunden im Bus verbringen, um in den nächsten Club zu kommen, und ich kann in einem Bus einfach nicht schlafen: Ich versuche es immer wieder und es geht nicht! Der zweite Unterschied ist, daß das Essen in Amerika sehr schlecht ist, so daß wir mittlerweile sogar unseren eigenen Koch mitnehmen, da eine ausgewogene und gesunde Ernährung auf einer Tour sehr wichtig ist. Zum anderen sind die Amerikaner viel offener, sie wollen was erleben, wenn sie auf ein Konzert gehen. Vielleicht sind sie nicht so treu, wie die deutschen Fans, aber auf jeden Fall viel offener für neue musikalische Richtungen.
Sonic: Zu Rock im Park gab es letztes Jahr ein Interview mit euch, wo du meintest, daß du gar nicht so gerne live spielst. In Anbetracht dessen, daß ihr vor allem durch die Art und Weise, wie ihr eure Live Gigs gestaltet, bekannt geworden seid, verstehe ich diese Aussage nicht ganz...
Richard: Kurt Cobain hat mal gesagt: Das langweiligste am Musikerleben ist das Touren, und da muß ich mich ihm anschließen. Ich bin ein sehr kreativer Mensch, und Touren heißt immer nur Reproduzieren und damit habe ich ein Problem. Ich fühle mich dabei immer wie eine Leiche, die abends aufsteht, um anderthalb Stunden zu spielen, und sich danach wieder zurück in den Sarg legt. Ich sitze lieber im Studio und schreibe neue Songs. Dadurch, daß wir eine Liveband sind, verläuft der größte Teil unserer Arbeit auf Tour. Aber eigentlich bin ich lieber zu Hause, weil ich dort kreativer sein kann. Ich steck da ein bißchen in einem Dilemma, weil die Gigs für uns sehr wichtig sind.
Sonic: Das Video wird es hier in Deutschland in zwei Versionen geben: eine jugendfreie und eine 18er Version, die die Performance von “Bück dich!” enthält. Wie beurteilst du die Zensur in Deutschland?
Richard: Prinzipiell habe ich kein Problem damit, wenn das Lied rausgenommen wird, da es nicht lebensnotwendig für das Video ist. Was ich gut finde, ich bin selbst Vater einer achtjährigen Tochter, sind die Absicherungen, die man für Kinder einbaut. Ich glaube, daß für Kinder eine gewisse Kontrolle nötig ist, das ist meine Meinung als Vater, aber ich finde es dann nicht mehr gut, wenn man alt genug ist, um zu bestimmen, was man sehen will.

Text: Carsten Böhme
www.rammstein.de
 
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