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| Lacrimosa - Wie begegnet man einer Halbgöttin? Interview Tilo Wolff |
LacrimosaWie begegnet man einer Halbgöttin? (aus Sonic Seducer 07-99) Wer über Gothic, nicht nur aus dem deutschsprachigen Raum, redet, kommt um diese Ikone nicht vorbei: Lacrimosa. Schon seit Anbeginn ihrer Karriere haben die Schweizer zwar Elemente klassischer Musik mit romantischer Todespoesie verbunden, das Album "Elodia" legte jedoch nochmals eine Schippe obendrauf. Kopf Tilo Wolff hat niemand Geringeres als das London Symphony Orchestra an sein Notengut rangelassen, um den emotionalen Bombast seines damalig brandaktuellen Albums auf eine neue Stufe zu hiefen. Ein Unternehmen, das sich gelohnt hat. Wie wir heute wissen, wurde "Elodia" zu einem Meilenstein der Lacrimosa-Diskographie. Wie die Umstände damals, vor zehn Jahren, waren, wollen wir Euch in einer neuen Folge unseres beliebten Time Tunnels näherlegen. Wie immer: Viel Spaß beim Lesen! Elodia ist’s, von der hier die Rede ist. Als Schirmherrin über die ungleichen Kräfte Liebe und Tod ist der Name dieser griechischen Halbgöttin die Quintessenz des Konzeptes zum aktuellen Lacrimosa Album „Elodia“. „Elodia“ hat in zweierlei Hinsicht für Aufsehen gesorgt. Zum einen war es der hohe technische und personelle Aufwand, man nahm mit dem London Symphony Orchestra in London auf, zum anderen aber die hohe emotionale Intensität der Musik, die „Elodia“ von vielerlei Seiten attestiert wurde. Über die Reaktionen auf „Elodia“ und den Einfluß dieser auf die Arbeit spricht Tilo Wolff. Tilo:
„Die Reaktionen auf ‘Elodia’ waren überraschend gut. Ich sage
überraschend deshalb, weil einige Leute sagten, sie konnten mit
Lacrimosa noch nie etwas anfangen. ‘Elodia’ sei das erste Album, was
ihnen tierisch gut gefällt, nicht einfach so okay, sondern richtig
gefällt. Es ist sehr schön, so etwas von Leuten zu hören, die Lacrimosa
vorher immer super scheiße fanden. Im Vergleich zum Vorgänger hat
sicher eine Weiterentwicklung stattgefunden, aber ich finde nicht, daß
Welten dazwischen liegen. Alle Alben waren bisher aus einem Guß, auch
wenn sie nicht alle gleich klingen.“ Erklären ließ sich Tilo diese Reaktionen natürlich auch: „Vor allem waren die Texte so, daß viele sich damit identifizieren konnten, sie diese nicht so abgehoben fanden. Andere haben die Zurücknahme der harten Gitarren sehr begrüßt. Anderer Meinung bin ich allerdings, was das Zusammenspiel von Orchester und Band betrifft, von dem viele sagten, es sei noch nie so gut gewesen, ich aber der Meinung bin, daß es auch schon auf ‘Stille’ sehr gut war.“ Auf
Medienstimmen anderer Art ist Tilo nicht so gut zu sprechen. In der
Chart-Show des Radiosenders Einslive sagte ein Moderator anläßlich der
Plazierung der Lacrimosa-Single „Alleine zu zweit“: „Das klingt, als
würden Rosenstolz eine schwarze Messe abhalten.“ „Dazu muß ich vorweg
sagen, daß ich deren Musik nicht kenne, nur mitbekommen habe, daß sie
momentan sehr gehypet werden. Das ist aber immer das Gleiche. Im
Untergrund gibt es immer wieder Bands, die schon seit Jahren einen
bestimmten Stil verfolgen, seien es nun die Sisters, auf jeden Fall
gibt es da eine ganze Menge, und dann kommt plötzlich eine Band, die
auf einen fahrenden Zug aufspringt, und dann sitzen diese ganzen Leute
da, die sonst nur Madonna hören und denken, Lacrimosa, naja, das klingt
ungefähr so, wie die Band, die sowieso gerade gehypet wird. Außerdem
werden diese Moderatoren zeitgleich vom Label mit Zeugs zu dieser neuen
Band zugeschüttet. Wie gesagt, nichts gegen Rosenstolz oder das Label,
aber dieser Mechanismus ist mir halt bei vielen Bands unseres Genres
aufgefallen. Wir verfolgen und prägen seit Jahren einen Stil, dann
kommt ein Major-Label, aha, da passiert etwas, pickt sich ein zwei
Bands raus, das ist ja jetzt auch bei zwei großen Bands aus der Szene
passiert, macht eine riesige Promotion, aber die Bands, die
ursprünglich diese Richtungen begründet haben, bleiben im Untergrund
oder geraten in Vergessenheit.“ Was Tilo da beschreibt, ist aber auch
ein bißchen das, was Underground ausmacht, eben nur einem bestimmten
Kreis bekannt zu sein und eben nicht überall präsent zu sein. Tilo:
„Das ist richtig, aber es ist einfach schade, wenn Leute beim Radio,
die ja die vorherigen Veröffentlichungen von Lacrimosa auch zugeschickt
bekamen, diese nicht hören. Dann landet ein Lacrimosa-Song in den
Charts, den hören sie dann, aber das ganze davor nicht, so daß sie es
gar nicht richtig einordnen können. Und dann kommt es natürlich zu
solchen Moderationen. Ich denke, daß Musikjournalisten sich auskennen
müssen, eben nicht nur das, was in den Charts rauf und runter läuft.“Tilo selbst ist jemand, der sich im Untergrund auskennt. Das Label Hall Of Sermon gründete er ursprünglich, um seinen Veröffentlichungen als Lacrimosa ein Forum zu bieten. Mittlerweile nimmt seine Labelarbeit mehr Zeit in Anspruch als seine Arbeit als Künstler. Führt Tilo Wolff ein Managerdasein? Wofür bleibt noch Zeit? Tilo: „Es ist schon so, daß ich 14 Stunden und mehr hier im Büro sitze und Lacrimosa fast schon zu meinem Hobby geworden ist, was ich gar nicht unbedingt so haben will, weil das Label ursprünglich Lacrimosa unterstützen sollte, jetzt unterstützt Lacrimosa das Label. Aber auf der anderen Seite macht mir ja der Job mit dem Label auch Spaß. Ich finde es einfach wichtig, daß Leute im Untergrund sich für gewisse Sachen einsetzen. Ich fände es schön, wenn mehr Leute sich in dieser Richtung betätigen würden. Man hört immer wieder, daß für den Untergrund nichts getan wird, aber leider bleibt es gerade bei denen, die das sagen, dann bei der Äußerung der Kritik und mehr kommt nicht. Da finde ich jede Zeitschrift, jedes Label, jede Band - hat immer etwas mit Idealismus und Liebe zu einer Szene zu tun - sehr wichtig, und das respektiere ich auch.“ Von daher ist Tilo auch vom Wave Gotik Treffen überaus begeistert, wenn er auch diesjährig Kritik daran üben muß, im Vorfeld angekündigt worden zu sein, ohne daß es je eine Zusage seinerseits gegeben hat. Davon einmal abgesehen: „Als ich vor zwei Jahren dort war und jeder Zweite schwarz trug, das war einfach geil.“ ![]() Geil wäre es auch, eine Inszenierung von „Elodia“ mit vollem Orchester zu hören. Gegen eine Aufführung auf diese Weise sprechen allerdings gleich mehrere Gründe. Tilo: „Wir haben ja auch schon die beiden Vorgängeralben mit Orchester eingespielt, live das Orchester aber nicht mit auf die Bühne genommen, und so wird es auch bleiben. Wir werden nach wie vor die Stücke umarrangieren für die Bühne und versuchen, die Kernelemente der Stücke herauszukitzeln. Das ist auch immer eine Herausforderung für mich, die Stücke zu umzuschreiben, daß sie ohne das Orchester genauso funktionieren. Bei Stücken, die gänzlich auf der großen Besetzung aufbauen, ‘Sanctus’ etwa, geht das natürlich nicht, und die spielen wir dann auch nicht live. Aber ich möchte nach wie vor auf das Publikum eingehen können. Mit dem Orchester im Rücken ist man gezwungen, ein Programm runterzuspielen. Es gibt nichts Schlimmeres, als keinen Bezug zum Publikum herstellen zu können. Andere Textpassagen einzubauen, zu improvisieren, das ist uns bei Auftritten wichtig, und deshalb verzichten wir auf das Orchester.“ Nach
der Veröffentlichung des Albums „Satura“ verordnete sich Herr Wolff
eine Zwangspause. Von dem Gedanken beherrscht, diese Aufnahme unmöglich
übertreffen zu können, war er weder zum Texten noch zum Komponieren in
der Lage. Wie soll „Elodia“ übertroffen werden? Ich äußere so
megalomanische Pläne wie Aufnahmen mit zwei Orchestern über zwei
Kontinente, die über eine Satellitenschaltung synchron spielen, was
Tilo zum Lachen bringt. Wie ein derartiger Aufwand im Verhältnis zum
künstlerischen Anspruch stehen würde, steht auf einem anderen Blatt.
Tilo: „Nach unserem Treffen in Hamburg bin ich etwas ins Stocken
geraten. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich, als wir aus
dem Studio gingen, zu Anne sagte, Verdammt, dieser Tag macht mir
beinahe Angst, weil die Reaktionen auf das Album so schön waren, daß
ich bei einer folgenden Aktion wie dieser die Leute bestimmt
enttäuschen würde. Immer dann, wenn man von außen gesagt bekommt, das
war etwas Gutes, dann dauert es eine Weile, bis man sich davon wieder
frei machen kann. Beim Komponieren sollte man sich komplett von solchen
fremden Meinungen frei machen, weil man sonst hingeht und denkt: Der
hat gesagt, das war gut, wie kann ich das jetzt wieder einbauen, und so
weiter Das ist absolut falsch. ‘Elodia’ würde ich vom Aufwand her als
einzigartig für Lacrimosa bezeichnen. Sprich, ich habe nicht vor, so
etwas zu wiederholen. Das kann ich mir erstens finanziell gar nicht
leisten, vielleicht wieder in zehn Jahren, und außerdem habe ich mir ja
mit dem LSO einen Traum erfüllt. Jeder Versuch, das zu toppen, hätte
wenig damit zu tun, die Musik sprechen zu lassen. Gerade dadurch, daß
in dieser Richtung gar nichts mehr möglich ist, bin ich um so
motivierter, musikalisch noch mehr zu leisten. Ich bin ein Mensch, der
einen gewissen Druck braucht, allerdings ist das etwas komplizierter.
Je mehr Druck ich von außen spüre, um so mehr bin ich angespornt, dem
zu trotzen, indem ich das, was ich selber machen will, dann noch
besser, noch genauer und mit noch mehr Energie betreibe, um eben zu
beweisen, daß es nicht der äußere Druck war, der mich antrieb. Dafür
die richtigen Worte zu finden, fällt mir nicht leicht. Auf jeden Fall
habe ich dadurch, daß ich gemerkt habe, Elodia vom Aufwand her nicht
übertreffen zu können, erkannt, noch mehr darauf hinarbeiten zu müssen,
meine Gefühle präziser umzusetzen, die Musik dem Gefühl noch mehr
entsprechend zu gestalten. Das wirkt sich auf die Komposition
dahingehend aus, daß ich gedanklich und emotional noch viel mehr als
bei ‘Elodia’ in der Materie aufgehe und noch intensiver schreibe. Als
ich ‘Elodia’ hörte, und merkte, wie nah ich an dem war, was ich
ausdrücken wollte, hat mir das ungeheuren Aufschwung gegeben, nicht so,
oh, Gott, viel zu nah, viel zu sehr preisgebend, nein, es war ein so
schönes Gefühl, daß ich noch mehr Mut gefunden habe, meine Gefühle
musikalisch auszudrücken.“ Von
kreativer Leere kann also nicht die Rede sein. „Aus der Erfahrung mit
‘Satura’ heraus und dem Umgang damit, wobei mir vor allem Anne sehr
geholfen hat, habe ich gelernt, das zu vermeiden. Nach ‘Inferno’ war es
schon nicht mehr so schlimm und nach ‘Stille’ gab es vielleicht noch
ein winzig kleines Loch, aber die erste Idee für ein neues Stück hatte
ich, bevor ‘Elodia’ überhaupt abgemischt worden war. Ich habe
mittlerweile auch schon zwei weitere Stücke in Arbeit. Es ist im Moment
eher so, daß ich mich enorm motiviert fühle, eine unglaubliche Sucht
verspüre, Musik zu machen. ‘Elodia’ hat mir so viele Türen geöffnet,
ich habe aufgrund des Komponierens so viel über mich selbst, meine
Musik und das Komponieren an sich gelernt, daß ich jetzt nahtlos weiter
mache. Das hängt auch damit zusammen, daß ich mehr Musik machen möchte,
sprich, daß die Pausen zwischen den Platten nicht mehr so lang sein
sollen. Ich versuche jetzt, mir mehr und mehr Zeit dafür zu nehmen und
auch mal tagsüber zu komponieren, nicht immer nur nachts, damit die
ganzen Ideen, die ich im Moment habe, auch umgesetzt werden, sie nicht
wegen Zeitmangel verlorengehen, was in der Vergangenheit sehr oft
passierte. Für uns und auch für das Publikum ist es sicher nicht ganz
so bescheuert, wenn die nächste Lacrimosa Platte nicht erst in zwei
Jahren erscheint.“Bis dahin steht aber erst mal die Tour an. Die derzeitige Planung sieht vor, im September in der Schweiz zu starten, dann Frankreich, Spanien, Italien, Österreich. Im Oktober ist Deutschland an der Reihe, bevor es dann über Polen und eventuell Portugal weiter nach Mexiko, Chile und Argentinien geht. Beinahe eine Welttournee! ![]() Text: Thomas Abresche www.lacrimosa.ch |
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Tilo:
„Die Reaktionen auf ‘Elodia’ waren überraschend gut. Ich sage
überraschend deshalb, weil einige Leute sagten, sie konnten mit
Lacrimosa noch nie etwas anfangen. ‘Elodia’ sei das erste Album, was
ihnen tierisch gut gefällt, nicht einfach so okay, sondern richtig
gefällt. Es ist sehr schön, so etwas von Leuten zu hören, die Lacrimosa
vorher immer super scheiße fanden. Im Vergleich zum Vorgänger hat
sicher eine Weiterentwicklung stattgefunden, aber ich finde nicht, daß
Welten dazwischen liegen. Alle Alben waren bisher aus einem Guß, auch
wenn sie nicht alle gleich klingen.“
Auf
Medienstimmen anderer Art ist Tilo nicht so gut zu sprechen. In der
Chart-Show des Radiosenders Einslive sagte ein Moderator anläßlich der
Plazierung der Lacrimosa-Single „Alleine zu zweit“: „Das klingt, als
würden Rosenstolz eine schwarze Messe abhalten.“ „Dazu muß ich vorweg
sagen, daß ich deren Musik nicht kenne, nur mitbekommen habe, daß sie
momentan sehr gehypet werden. Das ist aber immer das Gleiche. Im
Untergrund gibt es immer wieder Bands, die schon seit Jahren einen
bestimmten Stil verfolgen, seien es nun die Sisters, auf jeden Fall
gibt es da eine ganze Menge, und dann kommt plötzlich eine Band, die
auf einen fahrenden Zug aufspringt, und dann sitzen diese ganzen Leute
da, die sonst nur Madonna hören und denken, Lacrimosa, naja, das klingt
ungefähr so, wie die Band, die sowieso gerade gehypet wird. Außerdem
werden diese Moderatoren zeitgleich vom Label mit Zeugs zu dieser neuen
Band zugeschüttet. Wie gesagt, nichts gegen Rosenstolz oder das Label,
aber dieser Mechanismus ist mir halt bei vielen Bands unseres Genres
aufgefallen. Wir verfolgen und prägen seit Jahren einen Stil, dann
kommt ein Major-Label, aha, da passiert etwas, pickt sich ein zwei
Bands raus, das ist ja jetzt auch bei zwei großen Bands aus der Szene
passiert, macht eine riesige Promotion, aber die Bands, die
ursprünglich diese Richtungen begründet haben, bleiben im Untergrund
oder geraten in Vergessenheit.“ Was Tilo da beschreibt, ist aber auch
ein bißchen das, was Underground ausmacht, eben nur einem bestimmten
Kreis bekannt zu sein und eben nicht überall präsent zu sein. Tilo:
„Das ist richtig, aber es ist einfach schade, wenn Leute beim Radio,
die ja die vorherigen Veröffentlichungen von Lacrimosa auch zugeschickt
bekamen, diese nicht hören. Dann landet ein Lacrimosa-Song in den
Charts, den hören sie dann, aber das ganze davor nicht, so daß sie es
gar nicht richtig einordnen können. Und dann kommt es natürlich zu
solchen Moderationen. Ich denke, daß Musikjournalisten sich auskennen
müssen, eben nicht nur das, was in den Charts rauf und runter läuft.“
Nach
der Veröffentlichung des Albums „Satura“ verordnete sich Herr Wolff
eine Zwangspause. Von dem Gedanken beherrscht, diese Aufnahme unmöglich
übertreffen zu können, war er weder zum Texten noch zum Komponieren in
der Lage. Wie soll „Elodia“ übertroffen werden? Ich äußere so
megalomanische Pläne wie Aufnahmen mit zwei Orchestern über zwei
Kontinente, die über eine Satellitenschaltung synchron spielen, was
Tilo zum Lachen bringt. Wie ein derartiger Aufwand im Verhältnis zum
künstlerischen Anspruch stehen würde, steht auf einem anderen Blatt.
Tilo: „Nach unserem Treffen in Hamburg bin ich etwas ins Stocken
geraten. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich, als wir aus
dem Studio gingen, zu Anne sagte, Verdammt, dieser Tag macht mir
beinahe Angst, weil die Reaktionen auf das Album so schön waren, daß
ich bei einer folgenden Aktion wie dieser die Leute bestimmt
enttäuschen würde. Immer dann, wenn man von außen gesagt bekommt, das
war etwas Gutes, dann dauert es eine Weile, bis man sich davon wieder
frei machen kann. Beim Komponieren sollte man sich komplett von solchen
fremden Meinungen frei machen, weil man sonst hingeht und denkt: Der
hat gesagt, das war gut, wie kann ich das jetzt wieder einbauen, und so
weiter Das ist absolut falsch. ‘Elodia’ würde ich vom Aufwand her als
einzigartig für Lacrimosa bezeichnen. Sprich, ich habe nicht vor, so
etwas zu wiederholen. Das kann ich mir erstens finanziell gar nicht
leisten, vielleicht wieder in zehn Jahren, und außerdem habe ich mir ja
mit dem LSO einen Traum erfüllt. Jeder Versuch, das zu toppen, hätte
wenig damit zu tun, die Musik sprechen zu lassen. Gerade dadurch, daß
in dieser Richtung gar nichts mehr möglich ist, bin ich um so
motivierter, musikalisch noch mehr zu leisten. Ich bin ein Mensch, der
einen gewissen Druck braucht, allerdings ist das etwas komplizierter.
Je mehr Druck ich von außen spüre, um so mehr bin ich angespornt, dem
zu trotzen, indem ich das, was ich selber machen will, dann noch
besser, noch genauer und mit noch mehr Energie betreibe, um eben zu
beweisen, daß es nicht der äußere Druck war, der mich antrieb. Dafür
die richtigen Worte zu finden, fällt mir nicht leicht. Auf jeden Fall
habe ich dadurch, daß ich gemerkt habe, Elodia vom Aufwand her nicht
übertreffen zu können, erkannt, noch mehr darauf hinarbeiten zu müssen,
meine Gefühle präziser umzusetzen, die Musik dem Gefühl noch mehr
entsprechend zu gestalten. Das wirkt sich auf die Komposition
dahingehend aus, daß ich gedanklich und emotional noch viel mehr als
bei ‘Elodia’ in der Materie aufgehe und noch intensiver schreibe. Als
ich ‘Elodia’ hörte, und merkte, wie nah ich an dem war, was ich
ausdrücken wollte, hat mir das ungeheuren Aufschwung gegeben, nicht so,
oh, Gott, viel zu nah, viel zu sehr preisgebend, nein, es war ein so
schönes Gefühl, daß ich noch mehr Mut gefunden habe, meine Gefühle
musikalisch auszudrücken.“
Von
kreativer Leere kann also nicht die Rede sein. „Aus der Erfahrung mit
‘Satura’ heraus und dem Umgang damit, wobei mir vor allem Anne sehr
geholfen hat, habe ich gelernt, das zu vermeiden. Nach ‘Inferno’ war es
schon nicht mehr so schlimm und nach ‘Stille’ gab es vielleicht noch
ein winzig kleines Loch, aber die erste Idee für ein neues Stück hatte
ich, bevor ‘Elodia’ überhaupt abgemischt worden war. Ich habe
mittlerweile auch schon zwei weitere Stücke in Arbeit. Es ist im Moment
eher so, daß ich mich enorm motiviert fühle, eine unglaubliche Sucht
verspüre, Musik zu machen. ‘Elodia’ hat mir so viele Türen geöffnet,
ich habe aufgrund des Komponierens so viel über mich selbst, meine
Musik und das Komponieren an sich gelernt, daß ich jetzt nahtlos weiter
mache. Das hängt auch damit zusammen, daß ich mehr Musik machen möchte,
sprich, daß die Pausen zwischen den Platten nicht mehr so lang sein
sollen. Ich versuche jetzt, mir mehr und mehr Zeit dafür zu nehmen und
auch mal tagsüber zu komponieren, nicht immer nur nachts, damit die
ganzen Ideen, die ich im Moment habe, auch umgesetzt werden, sie nicht
wegen Zeitmangel verlorengehen, was in der Vergangenheit sehr oft
passierte. Für uns und auch für das Publikum ist es sicher nicht ganz
so bescheuert, wenn die nächste Lacrimosa Platte nicht erst in zwei
Jahren erscheint.“

