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| Time Tunnel |
Sonic Seducer
präsentiert:Die Krupps Tourtagebuch Teil II Normalerweise blicken wir in unserer Rubrik Time Tunnel weit zurück in die Vergangenheit, diesmal bleiben wir aktueller und präsentieren Euch etwas ganz Besonderes: Jürgen Engler hat während der letzten Die Krupps-Tour Tagebuch geführt und veröffentlich nun exklusiv seine ganz persönlichen Aufzeichnung im Sonic Seducer. Den ersten Teil des Tourdiarys gibt es in unserer aktuellen Ausgabe 04-08 zu lesen, die Fortsetzung gibt es wie versprochen online hier an dieser Stelle. Es gibt ein exzellentes Buffet, alle Früchte, Quarks, Joghurts und Cerealien, die ein Mensch zum gesunden Weiterleben braucht. Back on the Sufferbus. Wir müssen unseren gebuchten Termin zur Tunneldurchfahrt schaffen. Micha gibt trotz Anhänger und 80-km/h-Geschwindigkeitsbeschränkung Vollgas. Wir kommen rechtzeitig an. Der Zug ‚legt ab‘ und los geht´s mit dem Tunnelexpress. Eine gute halbe Stunde später hat uns die Sonne Englands erfasst. Die weißen Kreidefelsen strahlen. Ich bin froh, mal wieder hier zu spielen. Unsere Shows in England liefen immer großartig. Hier haben wir mit den Krupps auch unsere ersten Erfolge gefeiert. Als es noch hieß, der Prophet gilt im eigenen Land nichts, waren unsere ersten Scheiben bereits in England Single und LP of the Week im New Musical Express. In den 90ern waren wir bei MTV Dauergäste, und die Konzerthallen waren oft ausverkauft. Sheffield, das als nächstes auf dem Plan steht, haben wir noch nie gespielt. Allerdings müssen wir erst einmal dorthin kommen. Es wird Abend werden. Unser Konzert ist erst morgen Abend. Sowie es dunkel wird, sinkt die Temperatur drastisch. Vorhin waren wir noch an der erstbesten Raste in der Sonne gestanden, jetzt pfeift ein eisiger Wind. Es soll Schnee geben, höre ich. Unser Fahrer macht ein besorgtes Gesicht. Kaum ist es ausgesprochen, schießen schon die ersten Flocken auf uns zu und verflüssigen sich an der Windschutzscheibe. Ich will nur noch da sein. Endlich. Sheffield liegt zwischen Hügeln eingebettet und erinnert bei Nacht an Wuppertal. Die Frau an der Rezeption vergibt die Schlüssel, wir hören Gegröle aus der Bar. It‘s Friday Night. Unser Hotel hat einen Club im Erdgeschoss. Das Publikum scheint recht jung zu sein. Kurz aufs Zimmer, und dann los, ein gutes indisches Restaurant finden. Schließlich sind wir in England. Was kann man hier schon besseres essen? Der Abend vergeht schnell, der Lärm, der von unten ins Zimmer dringt, ist um 3 Uhr noch lange nicht verstummt. Wie gut, dass ich mir ein Zimmer im zweiten Stock genommen habe. Ich will morgen früh mit Chris die Stadt erkunden. Sechs Stunden Schlaf reichen. Die anderen sind noch in den Federn. Wir gehen los. Die Stadt hat einiges zu bieten. Wir finden einen mehrstöckigen Markt, wo es alles billig zu geben scheint, was man braucht. Ein paar Schuhe mit Stahlkappen und getrocknetes Obst für die nächste Fahrt. Wir laufen noch Stunden umher und genießen das kalte Sonnenlicht. Aber die Arbeit ruft. Wir treffen uns mit dem Rest des Tross am Hotel. Es geht zur Venue. Dort angekommen blicke ich erst mal voller Sorge auf den Teppich auf der Bühne. Der wird jeden meiner Schritte bremsen. Ich werde es verfluchen. Heute haben wir zwei Supportbands, Faderhead und Uberbyte. Erstere kommen ebenfalls teils aus Hamburg, teils aus den Staaten, letztere sind Einheimische. Wir soundchecken zuerst, die Halle ist kalt. Ich verziehe mich backstage und suche die versprochenen Humus-Schnittchen. Auf Tour dreht sich eben vieles ums Warten, Schwitzen, den Krankheiten entfliehen und deshalb gut ernähren. Nach unserem Soundcheck sind die anderen Bands dran. Ich gehe online. Als der Lärm von der Bühne verstummt, gehen die Tore auf und das Publikum strömt herein. Kurz darauf gehen Uberbyte mit zwei Standtrommlern ans Werk. Hinterher höre ich, es war gut. Faderhead sind bekannter. Sie scheinen besser anzukommen, zwei zufriedene Gesichter kommen mir entgegen. Der Abend sollte gut werden. Wir entern die Bühne. Sofort ist klar, wir wurden hier sehnsüchtig erwartet. Ich blicke in die Reihen, das Publikum ist schriller gestylt als unser kontinentales. Auch hier singen die Fans mit. ‚Isolation - is liberation‘ kommt aus vielen Kehlen. Ich versuche, mich wie gewohnt zu bewegen. Der verdammte Teppich! Als ich mich später beim Veranstalter darüber beschwere, verspricht er mir, das Teil bis zum nächsten Krupps-Gig im Corporation zu entfernen. Ich nehme ihn beim Wort. Von der vorigen Kälte ist mittlerweile nichts mehr zu spüren. Ich blicke in die Runde. Die Jungs um mich herum sind heute besonders gut gelaunt, wie es scheint, Marcel läuft der Schweiß übers Tattoo. Wir schreien ‚Metal Machine Music‘ zusammen ins Mikrofon. Die Leute tanzen ekstatisch, nicht nur vor der Bühne. Bei ‚Fatherland‘ ist dann niemand mehr zu stoppen. Ich grinse breit. Die Zugaben noch, und es ist vorbei. Bis auf die Teppichbremse für mich war das ein Spaziergang für uns. Der Backstageraum füllt sich. Es scheint viele Freunde des Hauses zu geben, oder keine Ordner vor dem Backstagebereich. Im oberen Stock startet die Electro Party. It´s Saturday Night. England macht Spaß, wir reden, lachen, die Zeit verstreicht. Morgen London. Besser nicht allzu spät ins Bett. ![]() Die Fahrt nach London. Ich sehe Vegetation, die der in Deutschland ähnelt. Wie auf der A3, Frankfurt Richtung Süden, denke ich. Dazwischen beschauliche Dörfchen, viel Fachwerk. Hätte nichts gegen einen Trip hoch nach Schottland. Ich schließe die Augen ab und zu. London ist wie immer rege. Und das Wetter scheint immer besser als in deutschen Landen. Ich war schon so oft hier, habe aber noch nie etwas vom berühmt berüchtigten Londoner Nebel gesehen. Gibt´s nur in Filmen. Die Sonne scheint. Wir fahren nach Camden Town, dort ist die Venue. Trifft sich gut, da ich endlich mal eine neue Jacke kaufen muss. Und mein Bootleg-Dealer ist auch direkt gegenüber des Clubs. Wir kommen an, ich rufe den anderen noch zu: ‚Bin zum Soundcheck wieder da‘, und bin weg. Als ich dann aufkreuze, sehe ich fragende Gesichter. Die Bühne ist seltsam klein und nur knapp einen Meter hoch, besteht aus vielen Einzelelementen. Ich lasse direkt noch mehr Elemente herantragen, damit wir uns heute Abend nicht allzu sehr in die Quere kommen. Es wird schon gehen. Ich habe gehört, dass die Show heute ausverkauft ist. Was kann da noch schiefgehen? Sarah, oder besser Client B, ist da. Wir werden heute ‚Der Amboss‘ zusammen singen. Beim Soundcheck läuft es schon ganz gut. Am Abend, wenn das Adrenalin wallt, wird es sicherlich noch besser. Freunde von mir sind da, die ich seit alten Punk-Tagen nicht mehr gesehen habe. 1978, wie lang ist´s her? Nach dem Soundcheck ist Essen fassen angesagt. Ab zum Vietnamesen, ein Stück die Straße runter. Die anderen fahren ins entfernte Hotel. Ich brauche die Nähe zum Club. Als ich wieder am Club ankomme, spielen Faderhead gerade ihre letzte Nummer. Es wird Zeit, sich auf die Arbeit zu besinnen. Auch wenn wir hier das euphorischste Publikum erwarten, heißt das nicht, dass wir uns auf unseren Lorbeeren ausruhen können. Im Gegenteil. Es ist jede Menge wichtige Presse zugegen. Von Nervosität unsererseits trotzdem keine Spur, wir sind gut eingespielt. Ich freue mich auf das, was da kommt. Das Intro läuft. Die anderen stehen schon auf der Bühne, Achim hämmert los. Ich sehe schon eine Woge durch den Saal gehen, bevor ich auf die Bühne renne. London brennt! Die Leute tanzen gedrängt, mein Stahlofon wird schon beim Opener von der Masse fast umgekippt. Die Show verspricht einiges! Ich sehe es in den Augen der anderen Jungs. An der linken Bühnenseite haben sich auch etliche Fans positioniert, um einen besseren Blick auf die Bühne zu haben und nicht dem Gerangel vor der Bühne ausgeliefert zu sein. In der Mitte unseres Sets kommt nach meiner Ansage Client B unter Jubel auf die Bühne. Sie wirkt ein wenig zerbrechlich, ich versuche mich ruhiger zu geben. Am Anfang singt sie zaghaft, kaum hörbar, blickt etwas unsicher in meine Richtung. Als sie merkt, dass die Leute gut auf die Nummer einsteigen, wird sie warm. Die Krupps im Duett? Das gab es kurz vor Weihnachten schon mal mit Douglas McCarthy auf dem Bimfest. Hier klappt es einwandfrei. Der Rest der Show ist ein Triumphzug. London ist schon immer eine Hochburg für uns gewesen. Als ich bei der zweiten Zugabe auf mein Stahlofon springen will, rollt eine Welle durch das Publikum und schiebt es just in dem Moment einen guten halben Meter nach hinten. Ich lande unsanft mit den Knien auf den Stahlrohren. Unvorhersehbares macht Dinge unvergesslich. Ich stürze mich vom Stahlofon in die Menge, werde getragen, klatsche dabei ein paar Hände ab. Die Jungs tun dasselbe von der Bühne aus. Der Spuk ist vorbei. Blaue Flecken, wahres Glück. London weiß, mit den Krupps ist weiter zu rechnen. Wir auch. ![]() Wir fahren ins Hotel. Ich denke nur: duschen. Der Mann an der Rezeption sagt, es ist ein Zimmer zu wenig gebucht worden vom Veranstalter. Endlose Diskussionen und Telefonate folgen. Ich bin genervt. Wir buchen noch ein Zimmer auf eigene Kosten. Ich nehme den Aufzug in die 3. Etage. Nachdem alle klatschnassen Klamotten über der Heizung liegen, ist es halb vier morgens. Ich habe eigentlich keine Lust mehr zu duschen. Was tun? Ich dusche und lege mich schlafen. Es dauert ewig, bis mein Gehirn das Vorige verdaut hat. Ich schlafe sehr spät ein. Am Morgen müssen wir zu früh los, um den gebuchten Tunnelzug zu erwischen. Dann ist Pause für einige Tage. Ab nach Düsseldorf. Was wollen wir jetzt da? Berlin. Die Fahrt dahin verlief wie immer. Man versuchte zu schlafen. Es ging wieder zu früh los. Müssen ja soundchecken. Heute ist viel los. Berlin ist eben eine Medienstadt, Kamerateams haben sich angemeldet, unter anderem für Interviews. Das Konzert soll auch für eine DVD mitgeschnitten werden. Die Halle ist mal wieder arschkalt. Etliche Leute mit oder ohne direkte Aufgabe tummeln sich. Irgendwie hat jeder von uns Freunde, die hier wohnen oder vorbeikommen wollen. Man müsste sich zellteilen können, um alle zu bedienen, denke ich. Der Soundcheck verspricht nichts Gutes. Ähnlich wie in Paris ist hier die Akustik nicht so einfach in den Griff zu kriegen. Murphy‘s Law. Als nächstes soll ich Rede und Antwort stehen für mehrere Interviews. Ich weiß, dass es knapp wird vor dem Konzert. Unsere Supports Golem 101 und Philiae sind schon fast durch. Dann wird es hektisch. Ich muss schnellstens backstage, um mich umzuziehen. Hermann kommt schon mit dem In-Ear Monitoring angerannt. In dem kleinen Raum über der Bühne drängen wir uns. Alle sind gutgelaunt. Das Konzert ist ausverkauft. Was nun folgt, ist eine Show, wie man sie sich wünscht. Die angereisten und ortsansässigen Fanhorden machen vom ersten Ton an dermaßen Stimmung, dass selbst der beschissene Sound auf der Bühne uns nicht weiter beirrt. Wir ziehen trotz gnadenloser Hitze unser schweißtreibendes Programm durch. Ich habe Probleme mit der Atmung beim Singen und Sprinten, weil die Luft voller Zigarettenqualm hängt. Ich dachte, es gäbe endlich auch in Deutschland Rauchverbot. Alles klebt mir am Leib. Jeder Song wird euphorisch mitgesungen vom Publikum, das Gerangel vor der Bühne sieht mitunter gefährlich aus. Die ersten Stagediver springen von der Bühne. Ich helfe einem anderen, die Mauer zu erklimmen, er schreit den Chorus kurz in mein Mikrofon und schmeißt sich zurück in die Menge. Die Halle bebt bei ‚To The Hilt‘. ‚Fatherland‘ setzt noch einen drauf. Wir gehen von der Bühne. Etliche Hände strecken sich uns entgegen. Zugabe, Zugabe. ‚Machineries Of Joy‘. Die EBM-Front macht mobil. Ich hämmere auf mein Stahlofon ein, spüre jeden Schlag in den Gelenken. Dann ‚Bloodsuckers‘. Ich lass mich rückwärts vom Stahlofon von der Bühne in die Menge fallen. Ich werde getragen und zur Bühne zurückbefördert. Marcel schmettert seine Gitarre auf den Boden. Halsbruch. Die Leute wollen mehr. Wir werden wiederkommen. Bis in die späte Nacht geht danach die Party weiter. Im mehrstöckigen Club gegenüber, der zum Haus gehört, läuft ‚To The Hilt‘. Alles tanzt oder singt. Oder beides. Am nächsten Morgen scheint die Sonne ins Zimmer. Ich weiß, es ist Zeit. Minuten bevor der Wecker klingelt, bin ich wach. Das ist immer so. Ich gurgel mein Mundwasser, rein in die schwarze Kluft. Ich treffe unten die anderen. Der Bus mit dem Hänger ist mit einem Teil der Jungs schon vorgefahren. Heute Frankfurt. Die Batschkapp haben wir schon oft gespielt. Der Laden ist perfekt ausgerüstet und lässt wie immer keine Wünsche offen. Das Essen, das wir nach dem Soundcheck kriegen, ist wie bestellt. Gut. Heute haben wir nur eine Vorgruppe. Es ist Sonntag Abend und wir wollten nicht riskieren, dass bei unserer Show die Hälfte der Leute gehen muss, um die letzte Bahn zu kriegen. Also geht es schon früh los. Der Soundcheck lief perfekt. Wir haben beste Voraussetzungen für eine runde Show. Frankfurt sei ein eher ruhigeres Publikum, kriege ich noch zu hören. Ich glaube es nicht. Philiae machen ihre Sache gut. Der Applaus ist lang und die schweißüberströmten Gesichter der Band sind mehr als zufrieden. Dann ist es Zeit für uns, die Bühne zu nehmen. Keiner raucht, kein Teppich auf der Bühne, und wir sind noch heiß von gestern. Die Leute scheinen ähnlich überrollt wie in Paris. Zuerst zaghafter, dann bestimmt, lassen sie los und folgen ihrem Gefühl. Spätestens ab ‚Alive‘ ist das Eis gebrochen. Frankfurt ist nicht zu halten. Ich fühle mich wohl auf dieser Bühne, tobe unerlässlich, sehe den Leuten in die Augen, sehe sie die Worte mitschreien. In der Moshpit mehrere hartgesottene weibliche Fans, die sich ihr Revier nicht streitig machen lassen und mit den Jungs um die Wette rempeln. Alles ist in Bewegung, bis hinters Mischpult. Sowas habe ich hier noch nicht erlebt. Die Leute scheinen von sich selbst überrascht. Wir gehen von der Bühne. Lauthals schreit alles nach mehr. Ich nehme mir vor, die letzten zwei Songs dieser Tour zu genießen und gebe noch mal, was geht. Es lohnt sich. Was für ein krönender Abschluss einer viel zu kurzen Tour. Das Publikum hat gemerkt, dass es ernst gemeint war. Ich fühle mich gut. Backstage wird viel gelacht und erzählt. Ein gutes Zeichen. Wir werden morgen die Bühne vermissen. Text: Jürgen Engler http://www.die-krupps.de Photo 1 by Sven Lorenz (http://www.fan-base.de) Photo 2 by Marcel Hensen Photo 3 by Nick Gough (http://www.myspace.com/boundlessenergy) |




