Jens Lossau & Jens Schumacher - Der Elbenschlächter
Der Elbenschlächter
Fertig ist die Laube des Fantasy-Crossover
Man könnte die Quintessenz des „Elbenschlächters“ als eine Gleichung aufstellen: Fantasy plus Krimi addiert mit einer variablen Größe X, die das gewisse Etwas ausmacht, ist gleich einem fantastischen Ergebnis. Fantasy, Crime und Humor in einem Buch stimmig unterzubringen, ist alles andere als alltäglich. Jens Schumacher und Jens Lossau, die seit 15 Jahren literarisch zusammenarbeiten, ist mit ihrem sechsten gemeinsamen Roman, erschienen im Egmont LYX Verlag, dieser Coup gelungen. Meister Hippolit führt zusammen mit dem Troll Jorge die Ermittlungen in den Mordfällen im Elbenstricher-Milieu. Das Duo macht auf seiner Jagd nach dem Elbenschlächter aber bald unerwartete Entdeckungen. Rasant und raffiniert ist dieses Buch der Auftakt einer Reihe, die zwei nur auf den ersten Blick gegensätzliche Genres zusammenführt. Und es funktioniert. Warum, erklären uns die beiden Autoren selbst.
 





Ihr beide seid ja ein eingespieltes Team, habt schon viele Bücher im Krimi-/Thriller-Genre gemeinsam verfasst. War es für Euch eine Herausforderung, zusammen ein Fantasy-Buch zu schreiben? Jeder hat ja seine eigenen Ideen und Vorstellungen, da stell ich mir das schwieriger als üblich vor, diese unter einen Hut zu bringen.
Jens Schumacher: „Der Elbenschlächter“ ist unser sechster gemeinsamer Roman, eine echte Herausforderung war das gemeinsame Schreiben daher nicht mehr. Im Gegenteil, ich empfand die Arbeit als deutlich entspannter als früher. Das mag daran liegen, dass wir uns in der Vergangenheit oft genug gegenseitig bewiesen haben, was wir drauf haben. Jetzt können wir uns aufs Erzählen beschränken.
Jens Lossau: Wir kennen uns jetzt 30 Jahre, arbeiten seit knapp 15 Jahren literarisch zusammen, da sind gewisse Mechanismen einfach eingespielt. Jeder bekommt, was er will, und das Endresultat wird uns beiden gerecht.

Erzählt doch bitte etwas über die Entstehung des „Elbenschlächters“. Wer kam zuerst mit der Idee um die Ecke? Und hat die Ursprungsidee noch viel mit dem Endergebnis gemeinsam?
JL: Die Idee, gemeinsam eine unkonventionelle Fantasy-Serie zu schreiben, kam uns zu gleichen Teilen während eines längeren Telefonats. Anschließend ging es so weiter, wie es während der Konzeptphase bei uns immer läuft: der eine oder andere nächtliche Spaziergang, ein paar Flaschen Hochprozentiges – fertig war die Laube!
JS: Der jetzige Roman entspricht zu 99% dem, was wir im Vorfeld konzipiert und beim Verlag angeboten haben. Ab einem gewissen Professionalitätslevel gehört sich das einfach so; außerdem ist es bei uns unumgänglich, da wir, um den Roman getrennt ausarbeiten können, ein extrem detailliertes Ablaufsexposé erstellen müssen, an das wir uns in der Folge exakt halten. Anders geht es nicht.

Elben – Wesen, die dafür bekannt sind, filigran, weise und anmutig zu sein. In einem Strichermilieu vermutet man diese erstmal nicht unbedingt. Wie kamt Ihr auf diese – zugegebenermaßen – gewagte, aber spannende Idee?
JS: Also, um ehrlich zu sein, ich hatte schon als Kind bei der Lektüre von Fantasy-Romanen immer den Eindruck, dass Elben – diese langhaarigen, geschmeidigen, ständig singenden Typen – in Wahrheit alle vom anderen Ufer sein müssen. [lacht] Im Ernst: In der Fantasy gibt es, gerade, was bestimmte rassische Archetypen angeht, etliche völlig indiskutable Klischees. Uns macht es Spaß, sie zu brechen.
JL: Filigrane Wesen haben immer eine unterschwellige sexuelle Komponente, das liegt in der Natur der Sache. Anmutige Bewegungen und eine ätherische Ausstrahlung verheißen guten Sex, egal, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt. Wir haben aus dieser Überlegung nur eine logische Konsequenz gezogen.

Habt Ihr die Befürchtung, eingefleischte Fantasy-Fans würden aufgrund des Krimi-Szenarios den „Elbenschlächter“ ablehnen?
JL: Wir sind uns bewusst, dass der klassische Fantasy-Leser eher konservativ ist: Er wünscht sich von seiner Lektüre bestimmte Dinge, die er kennt und schätzt. Aber die bekommt er auch im „Elbenschlächter“! Die Krimi-Elemente reduzieren zum Glück nicht den Fantasy-Anteil.
JS: Wir mögen das Genre selbst sehr gerne, folglich wollen wir nicht darauf herumtrampeln, sondern ihm nach Möglichkeit die eine oder andere unterhaltsame neue Facette hinzuzuaddieren. Dieser Unterschied ist es, der das Buch letztlich auch für Hardcore-Fantasy-Fans interessant machen dürfte.

Ich denke, das Originelle am „Elbenschlächter“ ist die Kombination aus bekannten Fantasy- und Krimi-Elementen in einer Geschichte. Seht Ihr das genauso, oder gibt es für Euch noch etwas anderes, das absolut besonders an diesem Buch ist?
JL: Das war genau unser Ansatz: Krimihandlung und Sword & Sorcery hatte bisher noch niemand zusammengebracht. Uns gibt dieser Crossover die Freiheit, mit Figurenkonstellationen zu arbeiten, die uns faszinieren – zum Beispiel unseren total gegensätzlichen Ermittlern Jorge und Hippolit. Aus ihrer Verschiedenartigkeit resultiert die zweite Eigenheit, die den „Elbenschlächter“ im Fantasy-Segment auszeichnet: Es gibt viel Humor, und zwar nicht von der zimperlichen Art.
JS: Aus dem Beruf der Hauptfiguren ergeben sich darüber hinaus reizvolle Aspekte, was die Handlung und ihre Motivation angeht. Jorge und Hippolit sind Kriminalbeamte! Das entbindet uns als Autoren von der drögen Aufgabe, uns noch eine magische Queste oder noch eine ultimative Schlacht Gut gegen Böse ausdenken zu müssen.

Gibt es eine oder mehrere Inspirationsquelle(n) beim Schreiben für Euch? Woher schöpft Ihr die Kreativität, eine ganz eigenständige Fantasy-Welt zu erschaffen?
JS: Wir gehören beide zu der selten gewordenen Sorte Autoren, die noch in jeder freien Minute viel und mit Genuss lesen! Stephen King hat mal gesagt, für jedes Buch, das man schreibe, müsse man selbst mindestens zehn gelesen haben. Ich für meinen Teil unterschreibe das sofort – und erhöhe die Zahl um den Faktor 10! Ich ziehe meine gesamte Inspiration – und darüber hinaus  viel Entspannung und Freude – aus Literatur. Mit der Kreativität ist es letztlich wie mit der Verdauung: Kommt oben nichts rein, kann unten auch nichts rauskommen.
JL: Zum Glück sind wir beide nicht bloß Fans eines einzigen literarischen Genres. Wir lesen beide ständig völlig verschiedene Sachen, von Hochliteratur bis ganz runter zu übelstem Trash. Daraus ergibt sich ein weites Spektrum an Einflüssen, die sich in unserer Arbeit widerspiegeln.

Gebt Ihr Euren Charakteren auch eine persönliche Note? Ist in Meister Hippolit oder dem Troll Jorge auch ein bisschen Schumacher und Lossau? Wenn ja, wie genau macht sich das bemerkbar?
JL: Ich glaube, das lässt sich nie ganz verhindern, wenn man mit Herz an ein Buch rangeht. Bewusst ist uns das allerdings nur, wenn es mal absichtlich geschieht, indem wir z. B. Jorge oder Hippolit einen Spruch in den Mund legen, den wir selbst in der Realität gerne gebracht hätten. Inwiefern es darüber hinaus Entsprechungen gibt, müssen andere beurteilen. Der Autor kann sein eigenes Werk nicht interpretieren.

Die Fantasy-Szene boomt, nicht nur in der Literatur. Seht Ihr neben den nicht von der Hand zu weisenden Vorteilen auch negative Aspekte dadurch?
JS: Der augenfällige Nachteil des teilweise erschreckend kritik- und ziellosen Publizierens der letzten Jahre ist, dass unsäglich viel herauskam, wovon ein guter Teil wiederum unsäglich ist. Im literarischen Bereich springen Leute auf den Zug auf, die besser im Keller bei ihren Rollenspiel-Kumpels geblieben wären. Zumindest Letzteres wird sich durch die natürliche Selektion glücklicherweise bald wieder ändern; sobald der Hype etwas abebbt – was schon jetzt in Ansätzen zu spüren ist –, werden nur die übrigbleiben, die wirklich zum Erzählen bestimmt sind.

Was fasziniert Euch persönlich am Fantasy-Genre?
JL: Der kreative Freiraum! Wenn du die grundlegenden Mechanismen einer spannenden Geschichte begriffen hast und der Kosmos, den du erschaffst, in sich schlüssig und homogen ist, kannst du buchstäblich alles machen. Der Phantasie sind – wie der Name des Genres ja zart andeutet – keine Grenzen gesetzt.

Wie geht es weiter mit diesem außergewöhnlichen Ermittlerduo aus dem „Elbenschlächter“? Man flüsterte mir, dieses ist der erste Band einer Buchreihe...
JS: ...und wie so oft, wenn irgendwo jemand etwas flüstert, stimmt das: Band zwei, „Der Orksammler“, erscheint im Herbst. Zum Zeitpunkt dieses Interviews liegen wir mit dem Roman gerade in den letzten Zügen, und ich kann sagen, dass er noch mal ein Stück horrormäßiger und düsterer ausgefallen ist als der erste. Wie es danach weitergeht, wissen wir noch nicht genau. Das hängt wie immer auch von der Resonanz des Publikums ab.

Welche Projekte stehen bei Euch in naher Zukunft noch an?
JL: Irgendwas ist ja immer in der Pipeline, aber an konkreten Veröffentlichungen wird von mir dieses Jahr mit „Dunkle Nordsee“ noch ein düsterer Thriller im Blitz-Verlag erscheinen, im Herbst ein weiterer.
JS: Im Sommer und Herbst gibt’s ein paar neue (bzw. neu aufgelegte) Jugendbücher von mir. Was darüber hinaus in Planung ist – an gemeinsamen Projekten sowie solo –, darüber muss leider vorläufig noch das Mäntelchen des Schweigens gedeckt bleiben...

Last But Not Least: Welches ist Euer Lieblingsbuch, die eigenen mal ausgenommen?
JL: Ich lese wie gesagt viel kreuz und quer, aber zu Jack Ketchum und Chuck Palahniuk kehre ich immer wieder gern zurück. Und „Die Borribles“ von Michael DeLarrabeiti werde ich wohl noch bis zu meinem Tod in jedem Interview empfehlen.
JS: Was Originalität angeht, haben mich in den letzten Jahren vor allem Jasper Fforde und Walter Moers beeindruckt. Und für einen nostalgischen Leseabend am Kamin hole ich immer wieder gerne den Nehwon-Zyklus von Fritz Leiber aus dem Regal.

Daniela Florek

www.jenslossau.de
www.jensschumacher.eu
 
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