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| Castle Party Festival in Bolków - Dr. Mark Benecke berichtet! |
Castle Party Festival, Bolków, Polen, 30. Juli - 1.
August 2010Ein Bericht von Dr. Mark Benecke Das polnische Gegenstück zum Amphi und Blackfield findet in und vor einer Burgruine statt und eröffnet freitags mit einer kleinen, aber feinen Bühne. Sie liegt malerisch im Innenhof des ansonsten von Mittelalter-Touristen bevölkerten Geländes; an den beiden Folgetagen steht dann auf dem Burghügel eine deutlich fettere Bühne. Der Sound ist je nach anwesendem oder eben auch abwesendem Tontechniker mal besser, mal schlechter, einige Bands müssen ihre Synthesizer auf herum stehende Kisten stellen, und manches Mikrofon geht erst nach einminütigem Einsatz der Sänger an. Aber watt solls, man ist in Polen. Es spricht sowieso niemand (auch nicht die Techniker) englisch, und so kommt es, dass deutsche oder andere Ausländer nur in Begleitung polnischer FreundInnen anzutreffen sind (praktisch für mich: polnische Gattin!). Ernster Hinweis für LeserInnen, die das extrem reizvolle Festival mit dem fettesten Lineup Osteuropas besuchen wollen: Man wird weder eine Unterkunft noch einen der stets völlig wahllos unpünktlichen und teils über sechzig Jahre alten Züge oder Busse oder auch nur ein Essen erhalten, wenn man nicht auf polnisch erklären kann, was man warum will. Und ja, es stimmt: Wer mit mit dem Auto kommt, dem wird es durchaus geklaut, auch wenns sich wie ein billiger Witz anhört.
Ah, nochn Tipp: “Essen” bedeutet in Polen Fleisch, Wurst, Würstchen, Koteletts, Kebap und Salami an einem Spiegel aus
flüssiger Butter. Wem es nach Obst oder Gemüse gelüstet oder wer gar Vegetarier ist, sollte wie ich eine
Dreitages-Ration an Obst- und Gemüsesäften mitnehmen bzw. vor Ort besorgen. Das geht leicht, denn nichts lieben Polen
mehr als Säfte; selbst in Schrottkneipen und winzigen Lebensmittel-Läden gibt es sie in reicher Auswahl. Dasselbe gilt
natürlich auch für das sehr gute Bier und den exzellten Wodka, von denen jeweils dutzende von Marken angeboten
werden.
Nun zur Musique. Das Lineup des Festivals ist wie gesagt stets atemberaubend, und auch 2010 flog die Wurst ganz
automatisch vom Brötchen. Interessante Momente gab es, als Faith and the Muse ihr aktuelles Album nebst einiger
alter Hits in gleich drei Versionen auf die Bühnen brachten, einmal “akustisch” (was auch immer das heißen sollte),
einmal in Vollbesetzung mit fetten japanischen Trommeln nebst androgynem Geiger sowie einmal teil- und umbesetzt als
Eden House. Dieser weltmusikalische Touch wurde auch von der deutschen Bauchtänzerinnentruppe Violet
(nein, nicht Violent) Tribe und den durchgeknallten und vor Ort sehr bekannten polnischen Volkslied-Hexen
Zywiokak nebst bandeigenem Teufelsgeiger vertreten. Spätestens da wurde klar, dass dieses Festival alles im Kopf
umwirbelt und daher der Ober-Geheimtipp für diejenigen ist, die eben polnische FreundInnen zum Organisieren und Feiern
haben.
Auch an offiziellen Headlinern bestand kein Mangel. Anne Clark und And One, die kurz zuvor schon beim
Amphi in Köln aufgetreten waren, durften vor stockdunkler Wiese der Menge einheizen, wobei dies Steve Naghavi
erwartungsgemäß deutlich besser gelang als Erstgenannter. Da wir uns in der ersten Reihe festgeschnallt hatten, kann ich
es nun aus eigener Anschauung bestätigen: Naghavi ist ein junger (und fantastisch tanzender!) Gott, und obwohl er in
Tarnklamotten mit Bundeswehr-Hemd mit aufgenähtem Fähnchen “Deutscher sei stolz” (Steine sind Steine) sang, fandens alle
geil. Was der Song wirklich bedeutet, erklärte Steve auf der Bühne und in der ihm zugeworfenen und sogleich als Umhang
getragenen Polen-Flagge gewandet: “Be proud of yourself!” Damit ist das selbst in der Wikipedia umlaufende Fragespiel
zum Textgehalt also endlich positiv geklärt. Die für mich unglaublichste Darbietung stammte von Kirlian Camera. Die Band ist Chaos von zu Hause gewöhnt (ich habe es live in Italien schon gesehen) und verschmerzte daher unglaublicher Weise, dass die gesamte beamergestützte Show ausfallen musste, weil das vom Veranstalter installierte Teil ums Verrecken nicht anging. Der nonchalante Moderator, in crowd management und Deeskalation geschult, erklärte das Konzert daraufhin - noch während eine mehr als wackelige Todes-Leiter zum Beamer vor der Bühne stand (der Techniker ist nur durch Zufall dem sicheren Ableben entgangen; es gibt im erzkatholischen Polen wirklich Schutzengel) - einfach für eröffnet. Wie gut, dass die kirlianischen Cameraden wie immer in Sturmhauben auf die Bühne schritten, denn den entsetzen Ausdruck der Band-Gesichter wollte keiner sehen. Frau Fossi, ganz Profimusikerin, beschloss kurzerhand und sicher nicht ungern, die nächtliche Show, die nun zwangläufig in fast völliger Finsternis stattfand (damit man das Beamer-Bild hätte sehen können...), schlichtweg um ihre schöne Stimme und ihren ebenso schönen Körper zu stricken. Das gelang ihr. Die Songs waren nämlich erstens komplett elektrifiziert (solide reingeknallte Beats, saugeil) und zudem mit der Zugabe “Comfortabely Numb” (für jüngere LeserInnen des Dark Vibe: Original stammt von Pink Floyd) gekrönt, noch dazu in einer sensationellen Variante. Ich möchte diesen Auftritt als eins der wahnsinnigsten und eindrucksvollsten aller mir bekannten Elektro-Ereignisse werten. Zack!
Selbstredend gabs noch viele weitere schöne Momente, beispielsweise, als die Cybergoth-Fan-Gang bei brennender Sonne
ihren krachbummenden Darlings Noisuf-X zutanzte, die gerade von harten Schlägen und härterem Sex berichteten,
während ein Zitronenfalter - vielleicht aus Deutschland eingeflogen und Bewegung brauchend - seine verspielten Kreise um
das Haupt des Noisuf-Chefs zog. Der nicht-cyberisierte und ergo rein schwarze Publikumsteil dankte es dem hübschen
Insekt mit einem lauten, kollektiven Seufzer des Wohlgefallens. Was für eine niedliche Laune aus dem Reich der
Kerbtiere!Weitere schnafte Bands, darunter die russischen Otto Dix (Hammer!), Qntal, Clan of Xymox, Behemoth, Deviant UK, Beauty of Gemina, DE/VISION (als DJ) und das unfassbare und von uns intensiv beäugte Theatres des Vampires (Fans wissen bescheid; die Sängerin scheint Vampyrin zu sein) lassen erahnen, was dieses Festival kann. Schade, dass deutsche LerserInnen nur schwer nach Bolków gelangen werden; wer allerdings einen Eindruck erhalten will, wie ein winziges polnisches Dorf drei Tage lang zum osteuropäischen Zentrum der zertifizierten Coolness wird, soll und kann sich hier auf den Galerien umsehen: http://benecke.com/ebm.html. Damit czesc und tschö. Text + Fotos: Mark Benecke P.S.: Es gibt auch noch tausende inklusiver Parties zum Festival. Da ich die Musikrichtungen teils aber nicht genau kenne (disco noir, harsh electro, full-on trance, guitar wave, pure fucking electro) und zugleich ja die schicken Konzis liefen, war ich nicht da. Dürfte aber ebenfalls alles sehr phatt jewesen sein! www.benecke.com http://www.castleparty.com
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Castle Party Festival, Bolków, Polen, 30. Juli - 1.
August 2010
Ah, nochn Tipp: “Essen” bedeutet in Polen Fleisch, Wurst, Würstchen, Koteletts, Kebap und Salami an einem Spiegel aus
flüssiger Butter. Wem es nach Obst oder Gemüse gelüstet oder wer gar Vegetarier ist, sollte wie ich eine
Dreitages-Ration an Obst- und Gemüsesäften mitnehmen bzw. vor Ort besorgen. Das geht leicht, denn nichts lieben Polen
mehr als Säfte; selbst in Schrottkneipen und winzigen Lebensmittel-Läden gibt es sie in reicher Auswahl. Dasselbe gilt
natürlich auch für das sehr gute Bier und den exzellten Wodka, von denen jeweils dutzende von Marken angeboten
werden.
Nun zur Musique. Das Lineup des Festivals ist wie gesagt stets atemberaubend, und auch 2010 flog die Wurst ganz
automatisch vom Brötchen. Interessante Momente gab es, als Faith and the Muse ihr aktuelles Album nebst einiger
alter Hits in gleich drei Versionen auf die Bühnen brachten, einmal “akustisch” (was auch immer das heißen sollte),
einmal in Vollbesetzung mit fetten japanischen Trommeln nebst androgynem Geiger sowie einmal teil- und umbesetzt als
Eden House. Dieser weltmusikalische Touch wurde auch von der deutschen Bauchtänzerinnentruppe Violet
(nein, nicht Violent) Tribe und den durchgeknallten und vor Ort sehr bekannten polnischen Volkslied-Hexen
Zywiokak nebst bandeigenem Teufelsgeiger vertreten. Spätestens da wurde klar, dass dieses Festival alles im Kopf
umwirbelt und daher der Ober-Geheimtipp für diejenigen ist, die eben polnische FreundInnen zum Organisieren und Feiern
haben.
Auch an offiziellen Headlinern bestand kein Mangel. Anne Clark und And One, die kurz zuvor schon beim
Amphi in Köln aufgetreten waren, durften vor stockdunkler Wiese der Menge einheizen, wobei dies Steve Naghavi
erwartungsgemäß deutlich besser gelang als Erstgenannter. Da wir uns in der ersten Reihe festgeschnallt hatten, kann ich
es nun aus eigener Anschauung bestätigen: Naghavi ist ein junger (und fantastisch tanzender!) Gott, und obwohl er in
Tarnklamotten mit Bundeswehr-Hemd mit aufgenähtem Fähnchen “Deutscher sei stolz” (Steine sind Steine) sang, fandens alle
geil. Was der Song wirklich bedeutet, erklärte Steve auf der Bühne und in der ihm zugeworfenen und sogleich als Umhang
getragenen Polen-Flagge gewandet: “Be proud of yourself!” Damit ist das selbst in der Wikipedia umlaufende Fragespiel
zum Textgehalt also endlich positiv geklärt.
Selbstredend gabs noch viele weitere schöne Momente, beispielsweise, als die Cybergoth-Fan-Gang bei brennender Sonne
ihren krachbummenden Darlings Noisuf-X zutanzte, die gerade von harten Schlägen und härterem Sex berichteten,
während ein Zitronenfalter - vielleicht aus Deutschland eingeflogen und Bewegung brauchend - seine verspielten Kreise um
das Haupt des Noisuf-Chefs zog. Der nicht-cyberisierte und ergo rein schwarze Publikumsteil dankte es dem hübschen
Insekt mit einem lauten, kollektiven Seufzer des Wohlgefallens. Was für eine niedliche Laune aus dem Reich der
Kerbtiere!

