INHALT
CH49 CD1: Project Pitchfork "The Future Is Now", Necro Facility "Intense", Glis "No Pulse", Ptyl "Dragon", Skorbut "Hypostase", Eva O "Who Is Your Father - Do You Hear Me", Bloody Dead And Sexy "Friend In Mescalin", Mystigma "Staub der Worte", Punish Yourself "Holy Trinh Thi", Sentenced "May Today Become The Day", Leaves\' Eyes "Farewell Proud Men", Audrey Horne "Candystore", Autumn "4th Act: Ground - Scene 2: Grief"
CD2 (Video-CD): HIM "And Love Said No", Negative "The Moment Of Our Love", Paradise Lost "Forever After", In Extremo "Nur ihr allein", Mechanical Moth "Torment"; Interviews: Nine Inch Nails, Lacrimosa, Project Pitchfork
Project Pitchfork, Leaves\' Eyes, In Extremo, Sentenced, Nine Inch Nails, Lacrimosa, HIM, ASP, System Of A Down, Deine Lakaien, Mind.In.A.Box, Ikon, The Vision Bleak, Melotron, Schandmaul, Blind Passengers, Audioslave, Bloody Dead And Sexy, Garden Of Delight, Life Of Agony, Arcana Obscura, Bakterielle Infektion, Bleed The Sky, Bohren & Der Club Of Gore, Conetik, The Crest, Dir En Grey, Eva O, FAQ, Gate, Gehenna, Glis, Alexander Hacke, In Mitra Medusa Inri, Kill The Thrill, Juliette Lewis & The Licks, Limbogott, Mystigma, Nosferatu, Painbastard, Polytune, Scarlet\'s Remains, Seelenfunken, Shadow Project, Skorbut, Soman, Static X, Sunterra, Thanateros, Trümmerwelten, Melotron, The Vision Bleak
PROJECT PITCHFORK
Russisches Roulette
Satte fünfzehn Jahre ist es her, dass Peter Spilles und Dirk Scheuber eigenhändig ihre ersten Tapes auf dem Kiez verhökerten und damit den Grundstein für eine klassische Bilderbuchkarriere hinlegten: Vom Kassettendeck in den Club, vom Club zum Plattenvertrag und damit zu internationalem Erfolg, der stetig wächst. Als erste Dark Electro-Band schaffte man es, das Grunge-Regime auf Viva Zwei sowie die Media Control Charts zu erstürmen, und mal ganz ehrlich: Welche Formation darf heute schon von sich behaupten, Rammstein als Supportact mitgenommen zu haben? Mystische Thematiken wurden ebenso zum Markenzeichen der Norddeutschen wie ihre musikalische Grenzenlosigkeit, die das Projekt zu einer einzigartigen Genregröße wachsen ließ, was sich nicht nur an der gewaltigen Summe dokumentieren lässt, die man heute für eine der genannten Erstaufnahmen bezahlen muss, wenn man sie denn mal bei internationalen Internetauktionshäusern unter dem Hammer findet. Alben wie "Daimonion", "Eon:Eon" oder "Entities" haben jetzt schon Klassikerstatus erreicht und dürfen in keiner gut sortierten Plattensammlung fehlen. Ohne Frage, Project Pitchfork ist eines der Aushängeschilder elektronischer Musik made in Germany, das keine Experimente scheute und es stets geschafft hat, sich treu zu bleiben und gleichzeitig neu zu erfinden. Mittlerweile sind wir beim zehnten Studioalbum der Hamburger angelangt, welches im Mai unter dem Titel "Kaskade" erneut für überraschte Ohren sorgen möchte. Wir trafen die über die Jahre zu einem vollen Quintett gewachsene Gruppe in der Hansestadt, wo alles seinen Lauf nahm, um der neuesten Veröffentlichung auf den Grund zu gehen und das Rad der Zeit ein wenig zurückzudrehen.
"Kaskade" folgt der langen Tradition der stets offenen, geheimnisvollen Albumtitel und schleppt mehrere Gebrauchsdefinitionen mit sich, die heute gängig sind. Während die Band für sich eher die Auslegung des vorgetäuschten Falles, wie man ihn zum Beispiel von Zirkusartisten her kennt, zu favorisieren scheint, ziehen die ersten Höreindrücke des neuen Werkes doch eher die Deutung eines Feuerwerks in Wasserfallform herbei, das besonders im Kontrast zum Vorgänger "Inferno" wahnsinnig viel Spielfreude versprüht.
New Electronic Highlight des Monats:
NECRO FACILITY
Der Ogre-Komplex
Die skandinavische Electro-Szene allgemein und die schwedische im speziellen waren schon immer ein Ding für sich. Man denke nur an die Neunziger zurück, als auf der einen Seite die dänische Hardcore-Electro-Posse mit ihren Protagonisten Leæther Strip, Psychopomps und Birmingham 6 sowie deren schwedische Nachbarn von Cat Rapes Dog, Pouppée Fabrikk, Inside Treatment oder S.P.O.C.K pausenlos für Frischluft auf dem Sektor sorgten. Doch das ist lange her und zwischenzeitlich sah es ganz danach aus, als wäre ein für alle Mal Ruhe im europäischen Norden eingekehrt. Komplette Fehlanzeige, wie man zuletzt beobachten durfte: Während die alten Recken zum Teil ihre angekündigten Reunions noch immer vor sich her schieben, ist längst der Nachwuchs in die Bresche gesprungen, um den guten Ruf nicht vollständig verhallen zu lassen. Run Level Zero und vor allem Spetsnaz schlugen ein wie eine Bombe und mit Necro Facility, die mit ihrem Debütalbum "The Black Paintings" Mitte April Rang 79 der offiziellen schwedischen Albumcharts erreichen konnten, steht der elektronischen Musikwelt eine vielleicht noch größere Invasion ins Haus.
Sicher kann in diesem Zusammenhang kaum geleugnet werden, dass die jungen Wilden gern die Vergangenheit aufrollen und alten Größen nacheifern. Aber dabei haben sie sich stets so ehrlich, technisch einwandfrei und auch noch kreativ gezeigt, dass jeder Anflug von negativer Kritik ruckzuck im Keim erstickt worden ist. Nachdem man also schon die Kollegen von Spetsnaz weltweit als die Reinkarnation von Nitzer Ebb feierte, tritt mit Necro Facility eine Band in Erscheinung, bei der man in erster Instanz annehmen muss, es würden die Köpfe von Skinny Puppy dahinter stecken. "The Black Paintings" klingt auf weiten Strecken so authentisch, dass selbst ausgemachte Vancouver-Spezialisten Angst um die Vollständigkeit ihrer Plattensammlung bekämen, wenn sie Songs wie "Ifrit" oder "Serge Suit" im Club oder sonst wo begegnen würden.
New Industrialrock Highlight des Monats:
PUNISH YOURSELF
Feuerwerk der Endzeitparty
Ein wahrhaft betörendes Feuerwerk zündet die apokalyptische Hardcore-Formation Punish Yourself auf ihrem Album "Sexplosive Locomotive". Auf der Grundlage von zuckenden Technobeats und runden Industrial-Loops breiten sich heftige Stakkato-Gitarren, superschnelle Sequenzerlinien sowie kreischend-animierende männliche wie auch weibliche Gesänge aus, die als erste Assoziation KMFDM auf den Plan zu rufen vermögen. Elan. Power. Spaß. Endzeit. Jugendliche Provokation. Ein industrieller Mad Max-Soundtrack, explosiv, sorglos, vorbehaltlos. Hier fauchen Raubkatzen, hier erleben die Zuhörer eine Proklamation der Schrankenlosigkeit. Und im Interview geben die mit abgefahrenen Künstlernamen hantierenden echte Glam-Rock-Antworten der partymäßigen Bedenkenlosigkeit auf die schwierigen Fragen des Daseins.
Wer steckt hinter der schillernden Fassade? Die Band stellt sich frohgemut vor, wobei Miss Z sofort das Wort ergreift: "Ich bin weiblich - und ich spiele Gitarre. Nicht Bass, im übrigen. Die meisten Leute scheinen zu glauben, dass Mädchen zwar Bass, nicht aber Gitarre spielen können. Mein Lieblingsgetränk ist Wodka, meine Lieblingsdroge Kokain. Und ich bin ein lesbischer Voodoo-Teenager. Und das, obwohl ich eigentlich kein Teenager mehr bin." Rechnerchef vx69 steht dieser frivol-zotigen Vorstellung in nichts nach: "Ich singe und bin zuständig für die Programmierungen. Ansonsten: Wodka-Baileys. Kokain. Bisexuell. Obwohl ich leider zugeben muss, dass ich schon lange nichts mehr mit einem netten Jungen hatte. Obendrein bin ich großer Godzilla-Fan."
IN EXTREMO
Sieben Leute, sieben Köpfe
Die hohen Wogen um das bejubelte wie geschmähte "7"-Album glätten sich langsam, da setzen die Mittelalterrocker In Extremo bereits wieder die Segel und gehen mit "Mein rasend Herz" ab dem 30. Mai auf große Fahrt. Ihr achtes Werk hat eine Menge Seemannsgarn an Bord, vertaute Lebenslust mit Sehnsucht und papageienbunter, rotziger Spielmannsattitüde zu einer prallen Ladung Unterhaltung, mit der es sich munter die Planken der anstehenden Sommerfestivalbühnen und Burgen unsicher machen lässt. Zum Interview trafen wir Sänger Micha Rhein aka Das letzte Einhorn und Sebastian van Lange nicht etwa in einer Bar für gestrandete Musiker, sondern in der Suite eines Kölner Luxushotels, "schreib das unbedingt rein", beschwört Micha eifrig, während er jeden Winkel inspiziert.
"Basti, komm\' mal, ich bekomm den Wasserhahn nicht auf", ruft es irritiert aus dem Design-Bad. Wasser marsch, könnte dagegen das Motto im Principal-Studio gelautet haben, denn die Hälfte der neuen Stücke beschäftigt sich auf unterschiedlichste Weise mit dem kühlen Nass. "Der stark maritime Einschlag war nicht beabsichtigt, passt aber sehr gut zu uns, wir sind alle die totalen Wasserratten", grinst Basti. Gemeinsam wühlte man sich durch alte nordische Texte und stieß dabei auch auf ein bretonisches Märchen: "\'Fontaine La Jolie\' ist die Geschichte eines Geschwisterpaares, das vor den sie schlagenden Eltern in den Wald flieht. Das Mädchen reißt sich auf der Flucht einen Splitter in den Arm, der zu wachsen beginnt. Schließlich sprießt soviel Holz, das ein Tischler es absägt und daraus drei Boote baut, beladen mit Silber, mit Gold und eines, das zwar leer, dafür aber fahrtüchtig bleibt. Die Kinder wählen den letzten Kahn und entkommen in die Freiheit", schließt Micha seine Erzählung, den Blick wohlwollend auf den Obstkorb gerichtet.
LEAVES' EYES
Nordische Klangfarben
Das Rowohlt Rock-Lexikon von 1998 enthält keinen Eintrag zu Saga, aber das macht nichts, denn um die die Mittelspur des Mainstreams befahrenden 80er-Rocker geht es nicht. http://de.wikipedia.org/wiki/Vinland weiß am 20.04.2005: "Vinland war der Name, den der aus Grönland bzw. Island stammende Wikinger Leif Eriksson einem Teil Nordamerikas um das Jahr 1000 gab, als er als vermutlich erster Europäer nachweislich dort landete." ‚Vermutlich\' contra ‚nachweislich\' ist ein ergiebiger Einstieg in die Auseinandersetzung mit Leaves\' Eyes\' zweitem Album "Vinland Saga".
Liv Kristine Espenæs-Krull ist am Telefon ebenso unaufgesetzt freundlich wie in Gesprächen vis-à-vis. Die Sängerin und Texterin, die einst als Stimme bei Theatre Of Tragedy aktiv war, beantwortet die Frage danach, wie umstritten die These ist, dass die Wikinger tatsächlich vor Columbus in Amerika waren, ad hoc. "Für uns Norweger ist die Theorie überhaupt nicht umstritten. Sagen wir mal so, wir lernen und hören und lesen darüber schon ab der ersten Klasse, eigentlich schon viel früher, weil in den Büchern, in den Zeitungen, im Fernsehen wird noch sehr viel über die Wikinger verkündet. Im Geschichtsunterricht ist die Geschichte der Wikinger - also ich würde sagen 50 %, dann hat man noch 40 % Zweiter Weltkrieg und 10 % irgendwas anderes, Antike oder so. Deswegen wachsen wir damit auf, auch mit der Theorie, dass die Wikinger Amerika entdeckt haben. Columbus steht im Nebensatz." Als sprachbegeisterte Trägerin eines Magistertitels wird sie die Feststellung nicht verübeln, dass ‚verkünden\' ungewöhnlich klingt, dass ‚berichtet\' idiomatisch besser wäre, aber wer auch immer eine zweite Sprache lernt und die damit verbundenen Eigenheiten und Schwierigkeiten einzuschätzen weiß, weiß um die Geringfügigkeit einer solchen Abweichung. Mit anderen Worten, Livs Deutsch ist erstaunlich gut und es dürfte keinen Sachverhalt geben, zu dem sie auf Grund vermeintlich fehlender Sprachkenntnis nicht fundiert Stellung nehmen kann.
SENTENCED
Schlussakt par excellence
Sarkasmus und Selbstironie waren immer elementare Komponenten eines jeden Werkes der düsteren Mannen aus dem Norden Finnlands. Nun, da sie sich ganz offensichtlich auf ihrer letzten Reise befinden, scheinen sie die Kraft gefunden zu haben, persönliche Erfahrungen und Emotionen nicht länger einfach nur hinter schwarzem Humor und zahllosen Metaphern verstecken zu müssen. "The Funeral Album" markiert gleichzeitig Ende und Höhepunkt der Karriere von Sentenced und somit haben wir Gitarrero Sami Lopakka und Frontmann Ville Laihiala ein letztes Mal zum Gespräch gebeten, um über Leichen in Plastiksäcken, Hypokriten und Vaterfreuden zu philosophieren. "Sentenced zu einem Ende zu bringen, war eine schwere Entscheidung, die lange reifen musste und die jeden einzelnen von uns tief in sein Innerstes führte. Wir mussten die Band, sogar unser ganzes Leben, bis ins Detail analysieren, herausfinden, was was ist, und was davon das beste. Aus diesem Prozess resultierten sehr ernst zu nehmende und persönliche Lyrics", reflektiert Gitarrist Sami, und Sänger Ville fügt nachdenklich hinzu: "In den vergangenen zwei Jahren wurde mir immer stärker bewusst, was wirklich wichtig an meiner Existenz ist und was mir ausreichend Befriedigung gibt, um dieses so genannte Leben durchzustehen. Wir wollten den Leuten zum Ausklang zeigen, wer wir tatsächlich sind, und auch wenn ich nicht der Hauptsongwriter bin, kann ich sagen, dass wir es uns wirklich nicht leicht gemacht haben, all unsere persönlichen Erfahrungen in intensive Musik und bedeutungsvolle Worte zu fassen und der Band damit den respektvollen Schlussakt zu schreiben, den sie verdient hat."
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