INHALT
CH48: Lacrimosa "Lichtgestalt", Qntal "All For One", Fischerspooner "Cloud", VNV Nation "Chrome (Bolloxed Remix by [:SITD:] exklusiv)", Pail "What They Call Paradise", Klimt 1918 "Snow Of 85", Zeitgeist Zero "Tombstone Tourist", Davos "Chase The Dragon", Y-Luk-O "Ein Lied von der Freiheit", Zuul Fx "Behind The Light", Nim Vind "The Fashion Of Fear", Garden Of Delight feat. Lutherion "Stigmata", Virtual Space Industrial "Right Hand Of God"; Multimedia Section: "Lady Death - The Motion Picture" (Trailer), Thanateros "Dirty Old Down" (clip) Lacrimosa, Nine Inch Nails, Blutengel, Dead Can Dance, Qntal, Project Pitchfork, Zeraphine, Ikon, In Extremo, Fischerspooner, Paradise Lost, Sentenced, Leaves' Eyes, The Eternal Afflict, Rotersand, Joy Division, Accessory, Adema, Epica, Milu, Colony 5, Electroclash-Special, Agonoize, Autoaggression, Davos, Dismantled, Epica, FAQ, Garden Of Delight feat. Lutherion, In Extremo, Klimt 1918, Liquid Divine, Ljungblut, Mimetic Dance, Morgul, Neongrau, Nim Vind, Nuuk, Pail, Ptyl, Negative, Remember Twilight, Seelenzorn, Thetis, To/Die/For, Tunes Of Dawn, Visage, Virtual Space Industrial, Vitalic, Wallenberg, Wednesday 13, Y-Luk-O, Zuul Fx, Bloody Dead And Sexy, Joy Division
LACRIMOSA
… zur Musik … zum Licht
Ein Mann sitzt allein im Auto, er ist nachts auf der Rückfahrt von einer Besprechung. Er kommt an einem Restaurant vorbei. Von der Straße aus sieht er hinter den von Kerzen und Leuchtern erhellten Fenstern des Restaurants eine Frau sitzen… - Kreative Menschen mögen das kennen: Manche Situationen, Szenen, Bilder schreien geradezu: Mach' etwas aus mir, denk' mich weiter! Einer dieser Menschen ist Tilo Wolff, der weniger kreativ mittlerweile den dritten Nachmittag damit verbringt, nonstop am Telefon zu sitzen und all den Interessierten Interviews zu geben: Vom neuen Lacrimosa-Album "Lichtgestalt" zu erzählen, das am 02. Mai in den Läden stehen wird. Wenn er keine Interviews gibt, ist er damit beschäftigt, all das zu erledigen, was diese Veröffentlichung mit sich bringt. "Im Moment habe ich zwölf- bis 14-Stunden-Tage", seufzt er. Die Müdigkeit ist ihm deutlich anzuhören. Das sind die Schattenseiten eines Business, oft nicht bedacht von denen, die reich und berühmt im Licht stehen wollen. Tilo Wolff ist lange genug im Geschäft, um seine Wege gefunden zu haben, damit umzugehen. Wenn "Lichtgestalt" erscheint, wenn Lacrimosa wenig später auf der Bühne stehen werden, wird das - auch aus der Sicht des Bandgründers - eine Feier zum inzwischen 15-jährigen Bestehen der Band sein. Schon der Gedanke daran lässt bei aller Müdigkeit Vorfreude in Tilos Stimme aufblitzen: "Ich freue mich riesig auf diese Tour. Ich glaube, ich habe mich nie so auf eine Tour gefreut - a.) weil es die Jubiläumstour ist, b.) weil ich so lange nicht mehr auf der Bühne war. Wir hatten zwar im Sommer die Auftritte in Südamerika und beim M'Era Luna, aber eine richtige Tour am Stück mit Bus und so weiter über mehrere Wochen, darauf freue ich mich." Nachdem ich das neue Album gehört habe, kann ich mir gut vorstellen, dass die neuen Stücke um einiges live-tauglicher sind als etwa die von "Echos".
Electronic Highlight des Monats:
PTYL
Nihilistisches Inferno
In der unübersehbaren Flut von Musik, die uns heuer zu überschwemmen droht, lässt sich, womöglich bedauerlicherweise, fast jede ihrer Erscheinungsformen ohne große Schwierigkeiten schnell und unkompliziert einordnen, denn die meisten dieser künstlerischen Ergüsse folgen den zuvor eingeschlagenen stilistischen Pfaden irgendwelcher Vorreiter. Der israelische Künstler Ptyl hingegen eröffnet mit seinem nun auf Danse Macabre veröffentlichten Album "Hell Sounds" Einblicke großer musikalischer Spannweite in höllisch gelungene Kombinationsformen von sagenhaftem Einfallsreichtum und innovativer Klangästhetik, von individueller Kompositionskunst, die alles andere als alltäglich ist. Atmosphären aus Electro und Industrial, Anleihen an abgedrehtem Pop à la Bowie, überzeugende Spannungsbauten, kleine Juwelen sich selbst auskostender Gesangsperformances: Dieses Werk ist nichts weniger als ein inbrünstig-infernalischer Klangkosmos der Kompromisslosigkeit. Darüber hinaus ist "Hell Sounds" ein niederschmetterndes Konzeptalbum, ein verstörendes Dokument der Selbstzerstörung, Selbstgeißelung, der Suche nach Erlösung - so zumindest mag es dem Hörer erscheinen. Ptyl jedoch gibt auf all solche Vermutungen und Interpretationen herrlich zermürbende und ausufernde Antworten voll der Unerwartbarkeiten, und zwar auf einem höchst intellektuellen Niveau. In geradezu aufwühlender Offenheit stellt Ptyl seine einzelnen Songs und deren Entstehungsgeschichte vor und ordnet sie verschiedenen Episoden seines Lebens zu; und jede Facette dieser Darstellungen kommen mir fesselnd authentisch vor; und so frage ich, ob ich damit richtig liege - und erhalte eine verblüffende Antwort: "Ich glaube nicht, dass Authentizität irgendeinen wesenhaften künstlerischen Wert hat. Mit Sicherheit bin ich kein Fürsprecher einer auf Authentizität angelegten Annäherungsweise an Kunst. Ich messe künstlerischen Wert allein an seinem Effekt, der Wirkung eines Kunstwerks auf das Publikum, nicht an dem Energieaufwand, der in seine Einzelteile investiert wurde."
New Gothic Rock Highlight des Monats:
NEGATIVE
Titten, Rosen und Romantik
Wer sagt eigentlich, dass Goth Rock schwarz und angestaubt die Bühne in einen Ort modriger Verzweiflung verwandeln muss? Für die Polyester-Hippies von Negative jedenfalls lassen sich traurige Melodien und melancholische Attitüde ganz hervorragend mit dem Glam-Appeal der 80er-Jahre Lenden-Rocker wie Guns N´ Roses oder Aerosmith vereinbaren, in Fummeln, die selbst Elton John die Brille von der Nase rutschen lassen. Hierzulande noch ein Geheimtipp, ist "Sweet & Deceitful" bereits das zweite Album der sechs Düsterpop-Rocker mit Make-up und schon glittert und flittert ganz Finnland von den eisigen Weiten Lapplands bis zur südlichen Küste im Negative-Rausch. Wie weit sind Gitarrero Larry und Androgynfronter Jonne Aaron auf der Checkliste zum Superstar? Wir machten den Test. Slash ist sein Vorbild und das ist nicht weiter verwunderlich, denn munter lockt und türmt sich die dunkle Haarpracht um Larrys Gesicht: "Alles Natur, keine Dauerwelle!", betont er eilig. Vor fünf Jahren spielte er noch mit seiner Band Snake Experience, eine Hommage an Slash's Snakepit und The Jimi Hendrix Experience, am gleichen Abend wie die als Trio debütierenden Negative. "Wir suchten einen Gitarristen und Larry bot sich mit der Behauptung an, er sei ebenso gut wie Slash", grinst Jonne. Offensichtlich gelogen, aber ambitioniert und großmäulig, die erste Sprosse auf der Star-Leiter. Fortan schrieben Jonne und Larry gemeinsam Songs, eine Kooperation, die von Anfang an fruchtete: "Wir hatten dieselben Ideen und Vorstellungen, dabei schreibe ich den Großteil der Musik und Jonne ergänzt ein paar Melodien und Texte." "Ich glaube, wir sind die zwei Romantiker der Band, wir mögen Kerzen, Rotwein und den ganzen Kram", erklärt Jonne das Gemüt der beiden Inspirationsseelen und damit auch den mal bittend weinerlichen, mal opulent Piano-gestützten Einschlag ihrer Kompositionen.
NIN
Die Rückkehr Teil II
Wieso nicht mit einem kleinen historischen Rückblick beginnen? Denn manches verblasst ja durch das Verrinnen der Jahre. Pünktlich zum Jahrzehntwechsel zwischen den Achtzigern und Neunzigern betrat ein brachial-innovatives Phänomen die Bühne der Rockgeschichte, das vollkommen berechtigt zu den wenigen wahrhaftigen Erneuerern jener Epoche gezählt und dem zugute gehalten wurde, eine einmalige Klangsprache erfunden zu haben. Eine solche Form des Industrial Rock, wie ihn Nine Inch Nails kreierten, gab es vordem schlichtweg nicht. Skinny Puppy waren für den elektronischen Bereich zuständig, und Ministry hievten sich gerade gemächlich in den Metal-Bereich. Demgegenüber hauchten NIN dem Genre etwas Zerbrechliches, Intimes, Verletzliches ein, wodurch wiederum die aggressiven Passagen ihrer Songperlen umso gewalttätiger wirkten. Anleihen aus dem Bluesrock blitzten auf und schmiegten sich geschmeidig in den Gesamtsound ein, was wahrscheinlich zuvor niemand für machbar gehalten hätte. Immer wieder, wenn NIN eine neue Scheibe unters Volk brachten, erstarrte alle Welt vor Ehrfurcht, und zwar vollkommen zu Recht. Schon in der letzten Ausgabe beschäftigten wir uns mit der lang erwarteten Rückkehr der Industrial-Ikonen, die sich in diesen Frühlingstagen mit der Veröffentlichung ihres brandaktuellen Studioalbums "With Teeth" zurückmelden. Nine Inch Nails, obzwar demnächst mit erneuerter Livecrew unterwegs, zu der inzwischen auch Ex-Marilyn Manson Mitstreiter Twiggy Ramirez gehört, bestehen allerdings, was Songschreiben, Produktionsprozesse und Visionsfindung angeht, immer noch und wie seit eh und je aus einem einzigen Mitglied: Trent Reznor. Schon während des ersten Teils unseres Gesprächs erläuterte Trent, aus welchen Gründen es diesmal eine weitere volle halbe Dekade brauchte, die Fans in den Genuss wirklich neuen Materials zu bringen. In heftiger Offenheit berichtete er über seine Süchte, die er erst einmal in den Griff zu bekommen sich gezwungen fühlte.
QNTAL
Grenzgänger
Sind wir mal ganz ehrlich, trotz aller Vielfalt in der schwarzen Szene ist die Anzahl der Bands, die wirklich Außergewöhnliches erschaffen, überschaubar. Für jede Schattierung von Gothic Rock bis Industrial, von Neo-Folk bis Mittelalter gibt es ein paar Originale und viele Nachahmer. In den Grauzonen der einzelnen Genres existieren außerdem noch jene Bands, die als Grenzgänger den Crossover der Stile wagen. Zu den mutigsten und gleichzeitig geschicktesten gehören Qntal. Ihr Mix aus mittelalterlichem Liedgut und modernster Elektronik erzeugt jene Gänsehaut, die nur einzigartige musikalische Erlebnisse hervorrufen können. Während wir in der letzten Ausgabe einen Blick auf die Arbeit am vierten Album "Qntal IV - Ozymandias" werfen konnten, liegt nun das jüngste Werk komplett vor. Sigrid Hausen, Phillip Groth und Michael Popp haben es damit erneut geschafft, die Messlatte in Sachen gefühlvolle und abwechslungsreiche Elektronik nach oben zu schrauben. Als erstes augenscheinliches Merkmal könnte man den Stücken beim Probehören bescheinigen, dass sie weniger kompliziert oder kopflastig sind. Stimmt Multiinstrumentalist Michael dem zu? "Unkompliziert und kopflastig sind zwei Begriffe, die bei mir unterschiedlich besetzt sind. Der eine positiv, der andere negativ, wobei kopflastig der negative Begriff ist. Immer, wenn wir eine Platte veröffentlichen, hört jeder etwas anderes heraus. Zum einen kommt dies, weil jeder Mensch individuell hört, zum anderen, weil der überbau unserer Stücke nicht nur einen ganz speziellen Stil verfolgt. Auf diese Art und Weise wäre man ganz klar in eine bestimmte Erwartungshaltung eingebunden. Wenn beispielsweise Rammstein eine Platte macht, dann weiß man ziemlich gut, was man zu erwarten hat."
WEDNESDAY 13
Transylvania 90210 - rumhängen mit dem Geist von Vincent Price!
Goth'n'Geisterbahn-Rocker Wednesday 13 freut sich diabolisch: "Noch gestern habe ich ein Vorab-Review zum kommenden Album gelesen, bei dem der Verfasser scheinbar nicht ansatzweise kapiert hat, worum es uns überhaupt geht: Schon alleine die Verpackung wäre absolut bescheuert, alles würde nach einem billigen B-Movie aussehen, die Band wirke in ihren Skelett-Outfits total beknackt und außerdem ginge es in den Songs nur um Tod, Zombies, Sterben und andere fürchterliche Sachen!" Besser kann man es tatsächlich nicht auf den Punkt bringen, nur missverstanden hat der anonym bleibende US-Schreiberkollege (Name und Blatt der Redaktion bekannt) grundsätzlich so manches - so darf man sich auf dem neuen Album "Transylvania 90210 - Songs Of Death, Dying, And The Dead" des glam-ghoulischen Frankenstein Drag Queens/ Murderdolls-Frontmanns tatsächlich auf einen echten Meilenstein morbiden Gänsehautpunks gefasst machen, bei dem der Albumtitel endgradig Programm ist.
In einer düster-nebligen Mittwoch-Nacht steht W13-Mastermind Wednesday 13 zu später Stunde Rede und Antwort zu seinem unter gleichen Namen veröffentlichten Erstalleingang zwischen dem aufgelösten Underground-Gothpunk-Geheimtipp The Frankenstein Drag Queens From Planet 13 und den vielfach abgefeierten Murderdolls um Slipknot-Drummer Joey Jordison und Static-X-Member Tripp Eisen; mithin einem der besten Alice Cooper-Alben seit Jahrzehnten - freilich ohne jegliche direkte Mithilfe von Gruselrock-Altmeister Alice Cooper himself. "Den Vergleich mit Alice Cooper kann ich wirklich nur als Kompliment auffassen. Mit jeder Platte, die ich bisher mit meinen verschiedenen Projekten aufgenommen habe, habe ich mich bisher noch niemals mit irgend einem Künstler im besonderen beschäftigt. Nicht, dass ich nicht auch von diversen Bands beeinflusst werde, aber insbesondere auf diesem Album gab es so gut wie keine musikalischen Fremdeinflüsse."
LADY DEATH
Bleich und kalt und schön
Um gleich das passende Zitat aus John Miltons "Verlorenem Paradies" zu erwähnen: "Lieber in der Hölle regieren, als im Himmel dienen." Genau darum geht es der kühlen, bleichen, weißhaarigen Schönheit, die Comicfans seit Beginn der 90er Jahre nur unter dem Namen Lady Death kennen. Sie schafft es, sich mit ihrer blitzenden Klinge in der Hölle und auf mittelalterlichen Schlachtfeldern zu behaupten. Und sogar Luzifer muss vor ihr zittern. Es war längst Zeit für eine Verfilmung der Geschichte der todbringenden Rächerin, die Comic-Erfinder Brian Pulido ("Evil Ernie") ersann. Und nun liegt der Streifen auf DVD vor, als eine Mischung aus Anime und Trickfilm, jedenfalls vom Look sehr nah am gezeichneten Vorbild. Treibende Kraft hinter diesem Projekt war Andy Orjuela, der gleichzeitig sein Regiedebüt mit "Lady Death - The Motion Picture" gab. Und der seinen Job so ernst nahm, dass nun eine würdige Umsetzung der vollbusigen Kriegerin durch die Höllengründe reitet. Es war eine gute Entscheidung, dass Pulido und Orjuela gemeinsam mit den Anime-Experten ADV-Films ("Neon Genesis Evangelion", "Final Fantasy") zusammenarbeiteten. Wobei Pulido nur mit am Drehbuch schrieb und dann seinen Kollegen Orjuela in Ruhe weiterarbeiten ließ. Brian Pulido: "Als einer der Produzenten schrieb ich die Geschichte, auf der das Drehbuch beruht. Mein Team hat alle anfänglichen Charakterentwürfe gemacht und sich um die Waffen und Kräfte gekümmert. Nachdem das erste Storyboard stand, sah ich noch eine Minute Animation, dann sah ich etwa ein Jahr später den fertigen Film bei der US-Premiere."
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