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AUSGABE 10/05 € 5,50
Fetisch-Kalender 2006; 16-Seiten M'Era Luna Special
CH52: Goethes Erben "Prolog zu einem Märchen, Eisblume "I'm A Flower", Forever Slave "In The Forest", Dementi "Mondlicht", Phillip Boa & The Voodoo Club "Burn All The Flags", Virtual Embrace "Reluctant Messiah", O.V.N.I. "Panic Inside", KMFDM "Free Your Hate", Hatesex "Unwant", New Model Army "Too Close To The Sun", Malice In Wonderland "Lucifer's Town", Gemini Five "Making Love Song", Zentriert ins Antlitz "Geschäftsfrau", KMFDM "Ansage"; Multimedia Section: Apoptygma Berzerk "In This Together" (video)
HIM vs. Lacuna Coil, Apoptygma Berzerk, Halloween-Film-Special, Depeche Mode, Nightwish, Goethes Erben, KMFDM, Xandria, The Rasmus, Phillip Boa, Diary Of Dreams, Ministry, Negative, Project Pitchfork, Within Temptation, Skinny Puppy, Crematory, Umbra Et Imago, New Model Army, Prager Handgriff, Siebenbürgen, After Forever, Arcturus, Disturbed, Raison D'Etre, 1972, Beseech, Black Ice, Chants Of Maldoror, Children Of Bodom, Dementi, Eche & The Bunnymen, Eisblume, Forever Slave, The Frozen Autumn, Mick Harvey, Hatesex, Heiland, Hyde, In Strict Confidence vs. Melotron, Lullacry, Mad Doggin', Mucc, The Old Dead Tree, Ordo Rosarius Equilibrio, O.V.N.I., The Protagonist, Scala, Skeletal Family, Solitary Experiments, Spiritual Reality, Stillste Stund, Thora, Virtual Embrace, XP8, Zentriert ins Antlitz, Siddharta
HIM vs. Lacuna Coil
Der finnische Dunkelprinz und die italienische Gothmetal-Queen
wir führten das bildhübsche Pärchen für unsere große Titelstory zusammen und ließen Ville Valo und Cristina Scabbia über Gemeinsamkeiten, Unterschiede und das Leben an sich plaudern. Wir beginnen mit Herrn Valo...
Diva Valo residiert in der Greta Garbo-Suite des Luxushotels am Potsdamer Platz Berlin. Zwei Jahre sind seit "Love Metal" vergangen, in denen sich die finnischen Superstars HIM in unseren Breiten nur selten sehen ließen und auszogen, die neue Welt für sich zu erobern. Der mit "Best Of" und DVD-Häppchen überbrückten Wartezeit wird am 26. September ein Ende gesetzt, wenn "Dark Light" zum fünften Mal ein Stelldichein mit Liebe und Melancholie verspricht und in unverkennbarer Handschrift über die Fanherzen schreibt. Doch etwas hat sich verändert. Die einst heißglühende Teenieverehrung und personenfixierte Euphorie der Hörerschaft scheint wohlwollender Musikbegeisterung gewichen zu sein und aus dem zwischen Sarkasmus und Verwirrung ins ganz große Rampenlicht taumelnden Jungrocker von einst ist ein glücklich entspannter Frontmann herangereift. Wir trafen Ville Valo zum Gespräch über Musik, die Liebe und den ganzen Rest.
Phillip Boa & The Voodoo Club
& die Hymne ans Anderssein
Etwas verloren steht er schon da, Deutschlands Zweimeternochwas-Vorzeige-Indierocker aus Dortmund, in der abendlichen Check-In-Schlange am Lufthansa-Schalter auf dem Münchener Franz-Josef-Strauß-Airport: Alle anderen Wartenden um mindestens gut eineinhalb Köpfe überragend, die schwere Sporttasche mit schmutziger Wäsche der hinter ihm liegenden Promo-Reise mit dem Fuß vor sich herschiebend. Doch Phillip Boa ist sichtlich glücklich und zufrieden: Erleichtert, nach anstrengendem Interviewmarathon quer durch die Republik endlich wieder nach Hause zurückkehren zu können und dabei mit "Decadence & Isolation" auch noch ein Album im Gepäck zu haben, welches seine punktuelle musikalische Ziellosigkeit und halbgare Experimente während der letzten zehn Jahre mit nicht weniger als einem lockeren Handstreich vom Tisch zu wischen vermag.
Rückblende. Bayern vor der großen Flut: Der Verkehr der Landeshauptstadt kollabiert in der rushhourlichen Sommerhitze, während farblich durchgestylte Modehunde an Designerleinen shoppender Schwabinger Geschäftsfrauen im schweren Luxus-Parfum/ Ozon-Gemisch nach Sauerstoff japsen und Studenten mit teuren Fensterglasbrillen und anstrengenden Frisuren in angesagten In-Kneipen mit sonnenstudiogebräunten Aushilfskellnerinnen über den geplanten Rhodos-Urlaub sinnieren. Einzig Indierock-Urgestein Phillip Boa will so gar nicht in die Szenerie passen und zappt stolz grinsend auf seinem neuen Handy durch die Tracks des noch neueren Albums.
Goethes Erben
Mit schöner Regelmäßigkeit
Im Musikgeschäft gibt es eine ganze Reihe an überraschungen, die eigentlich gar keine sind. So verwundert die Nichteinhaltung der Ankündigung Robert Smiths, nach dem nächsten Album The Cure aufzulösen, wohl ebenso wenig jemanden wie ein neues Werk von Goethes Erben, obwohl doch Oswald Henke schon lange versichert, keine Musik-CDs mehr produzieren zu wollen. Totgesagte leben eben bekanntlich länger - und das ist manchmal auch wirklich gut so! "Dazwischen", das neuste Werk aus dem Studio der Bayreuther Formation, hat es schließlich verdient, Gehör zu finden. Ursprünglich als Nebenprodukt nach der letzten großen Aufführung zu "Schattendenken" aus der Taufe gehoben, präsentieren die Stücke die Erben in einem ausgesprochen frischen Gewand. Musikalisch wie inhaltlich schneidend und präzise liefern die Songs beinahe eine Art Querschnitt verschiedener Ansichten des dunklen Kosmos der beiden Hauptakteure. Die Rolle des Gegenübers für ein erläuterndes Gespräch übernimmt dieses Mal Mindy Kumbalek, die in der Vergangenheit oftmals nur durch ihre Musik von sich reden gemacht hat.
"'Dazwischen' ist eine Art Potpourri-Platte und ist nicht als Vertonung von ‚Schattendenken' zu verstehen. Dieses Album soll die Zeit bis zur Veröffentlichung der DVD-Box des Musiktheaterstücks etwas verkürzen und einen musikalischen Vorgeschmack geben. Aber die Platte enthält auch alte und neue Lieder, die wir einfach gerne noch veröffentlichen wollten.
Hatesex
Schwarze Magie und sphärischer Deathrock
Es sind nicht viele Bands, bei denen sich eine gewaltige Erwartungshaltung schon vor Erscheinen des Debütalbums aufgebaut hat. Doch sicherlich zählen Hatesex dazu, die Band des ehemaligen Diva-Destruction-Gitarristen Benn Ra. Denn seit im vergangenen Jahr die mittlerweile vergriffene EP "Spiritual Palsy" herauskam und sich rasend über die Deathrock-Tanzflächen in Europa ausbreitete, konnten es viele kaum noch erwarten. Jetzt ist "Unwant" da, die erste CD des Duos aus Los Angeles.
Man sollte jedoch nicht erwarten, nun einen warmen Aufguss dessen zu hören, was bei Diva Destruction zu hören war. Dazu klingt Sängerin Krisanna Marie zu verschieden von Debra Fogartys Gesang. Und Benns Absicht war auch eine andere: "Ich wollte, dass es nicht so leicht einzuordnen ist. Ich höre eben nicht nur Deathrock oder Industrial oder Gothrock. Ich höre eine Menge anderer dunkler Musik. Wenn man die Songs näher untersucht, findet man eine Menge anderer Einflüsse. Der Song ,Hatesex' hat sicherlich eine klare Beziehung zum Deathrock-Genre. Aber der Slayer-Song, den wir gecovert haben, ,Black Magic', der hat ein bisschen mehr von einem Industrial-Feeling. Es sollten sich eben viele unterschiedliche Stile wiederfinden."
KMFDM
Ein bisschen Frieden
Würde man eine Liste mit Künstlern und Bands erstellen wollen, die innerhalb der letzten 20 Jahre entweder in Vergessenheit geraten oder in Bedeutungslosigkeit versunken sind, könnte man auch bei kleiner Schriftgröße noch einige Seiten damit füllen. Im krassen Gegensatz dazu stehen KMFDM, die in den 21 Jahren ihres Bestehens trotz kurzer Auszeit um die Jahrtausendwende nichts von ihrem Stellenwert eingebüßt, sondern eher noch an Relevanz gewonnen haben. So kann wohl kaum eine andere Band von sich behaupten, ein musikalisches Genre nicht nur mitbegründet, sondern auch überlebt zu haben und schließlich selbst zu einem quasi eigenständigen Genre geworden zu sein, wie die Truppe um den augenzwinkernd selbst ernannten "Father Of Industrial Rock" Sascha Konietzko alias Käpt'n K. Ein Status, den auch das am 12.09. erscheinende 15. Album, das kurz vor Fertigstellung von "FUBAR" (Fucked Up Beyond All Repair") in "Hau Ruck!" umbetitelt wurde, noch fester zementieren wird.
Mit "Attak" und "WWIII" haben KMFDM in diesem Jahrtausend bereits zwei Alben veröffentlicht, die sich von ihren Vorgängern im wesentlichsten durch die ihnen zugrunde liegende Intention unterscheiden: Die anarchische Comic-Truppe aus den Neunzigern, die gerne mit markigen Slogans à la "KMFDM is the drug against war" auffuhr und sich selbst (oder irgendjemanden sonst) nie so richtig ernst nahm, ist einer gereiften, die Welt reflektierenden, ja erwachsenen Einheit gewichen, die ihre reale Wut über die Veränderungen in der Welt nach dem 11.09.2001 ernsthafter und ambitionierter denn je zum Ausdruck brachte.
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