Sonic Seducer 03 / 2006



"März-Ausgabe"


INHALT

AUSGABE 03/06 € 5,50
CH57: Covenant "20 Hz", Spetsnaz "Degenerate Ones", Tolchock "I Feel Sick", Helalayn Flowers "Alienate", Theatre Of Tragedy "Storm", SpiRitual "Nahash Edit)", Kindred Spirits "Shadows", Rezurex "Prisoner Of Love", The SlimP "The Tree", Adversus "Borderlineprinzessin", Revolting Cocks "Dead End Streets (Edit)", Garden Of Delight feat. Lutherion "Play Dead (Sacred Mix), Ensoph "Condemned (Radio Edit)", "Galina" - Kapitel 11 aus gleichnamigem Hörbuch
Oomph!, Depeche Mode, Covenant, Placebo, Type 0 Negative, Lacuna Coil, Bauhaus, Schandmaul, Moonspell, Mesh, Revolting Cocks, Corvus Corax, Tanzwut, Theatre Of Tragedy, In Strict Confidence, Die Krupps, Das Ich, Gary Numan, Die Form, Spetsnaz, Liv Kristine, Amorphis, Regicide, Secret Discovery, Adversus, Amduscia, Amorphis, Anubiz, Beyond The Void, Caliban, Cascades, Catastrophe Ballet, D'espairsRay, Delaware, Eminence Of Darkness, Enik, Garden Of Delight feat. Lutherion, Green Carnation, Greenhaus, I Am Ghost, Iambia, In Strict Confidence, Katanga, Kindred Spirits, Ladytron, Metallspürhunde, Mucc, Phantom Vision, Proceed, Pzychobitch, Regicide, Revolting Cocks, Rezurex, Rotersand, Schelmish, Sephiroth, SINA, SpiRitual, Superikone, Tolchock, Tragic Black, Undergod, Dracul, Die Krupps, Wednesday 13


OOMPH!
Ohren auf, da kommt was!
Berlin, 17. Januar 2006. Die heiligen Hallen der geschichtsträchtigen Hansa Studios öffnen ihre Pforten, um uns einen ersten, ausgewählten akustischen Vorgeschmack auf das neue und neunte Oomph!-Album zu gewähren. Kurz hat man noch vor der gemütlichen Kaminfeuerschleife des Empfangsbereichfernsehers verweilt und nebenbei das Konglomerat goldener Schallplatten - auch für obskure Künstler wie Lou ‚Mambo No. 5' Bega - begutachtet, da treffen auch schon Dero, Flux und Crap ein, die in dieser Stunde der Wahrheit ihre Pflicht als gutaufgelegte Zeremonienmeister des deutsch-düsteren (Industrial)-Rocks bestens erfüllen.
Nicht, dass sich bei Oomph!-ologen jetzt schon ungläubig die Augenbrauen recken: Natürlich haben die Wolfsburger auch ihren neuen, bislang noch unbetitelten Langspieler nicht hier, sondern wie immer in ihrem hauseigenen Nagelstudio unter autarker Eigenregie eingespielt. Da für den Folgetag jedoch der Videodreh zur ersten Singleauskopplung "Gott ist ein Popstar" ebenfalls in Berlin terminiert ist, treffen wir uns zum ersten Probehören, einer zwingenden logistischen Logik folgend, also in besagten und betagten Hansa Studios. Eine örtlichkeit, die trotz der fehlenden direkten Verbindung zu unserem Trio, auch Flux, dem Produktionsleiter der Band, ein gewisses Gefühl der Ehrfurcht vermittelt. "Hier haben ja schon die richtig großen Namen aufgenommen. Von U2 über Depeche Mode bis David Bowie. In den Achtzigern war das hier sehr angesagt. Allerdings haben wir bei uns im Studio gerade frisch renoviert, das ist jetzt alles tipptopp, alles neu und alles besser." Dero ergänzt: "Es wäre unsinnig gewesen, jetzt das erste Mal in ein Fremdstudio gehen. Zu riskant. Wir haben uns so sehr auf unser eigenes eingeschossen, alles andere macht gar keinen Sinn. Jedes Studio hat sein eigenes Flair, seine eigenen Schwingungen und es ist mit Sicherheit auch so, dass wenn wir irgendwann einmal woanders aufnehmen würden, sich das Album auch anders anhören würde, weil man dies mit in die Songs transportiert. Unser Studio klingt nun mal so, wie die Songs klingen", erläutert Dero lachend.


Iambia
Ein Poltergeist aus der Sonne des Olymps
Die glühenden Electro-Jünger der taufrischen schwedischen Talentschmiede Progress Productions (ausführliches Labelspecial in Ausgabe 02/06) haben bis dato stets mit wütender Oldschool-Authentizität den synthetischen Underground erobern können, doch Torny Gottberg, Labelchef aus Leidenschaft, hat auch einen Sinn für herausragende Juwele mit modernem Sound: Obwohl vor allem der Dark Electro Markt niveausenkend übersättigt aus allen Nähten platzt, kommt das aus dem Mund triefende Berserkerblut des einzigen nichtskandinavischen Signings Iambia genau richtig, um dem langen, trockenen Durst eines ganzen Genres ein Ende zu bereiten. Der diesen Winter auch in Athen und Umland herrschende Jahrhundertfrost scheint das griechische Pärchen Loupperkaleia und Dimitri wahrlich kalt zu lassen, denn ihr aktueller Output "Anasynthesis" kocht förmlich über vor harmonischer Barbarei, die man in der Stärke und Qualität bisher einzig aus der Liga von Hocico höchstpersönlich kannte. Gut, Ausnahmen bestätigen die Regel, aber was die mexikanischen Großmeister und ihre neugriechischen Lehrlinge gemeinsam haben, sind gewisse heimatliche Witterungsumstände, in denen vielleicht das Geheimnis der auffällig gradlinigen Aggressivität schlummern mag. Ob dies wirklich der einzige Grund für den Heißhunger der Hellenen darstellt, nehmen wir gemeinsam mit Mastermind Dimitri ins Fadenkreuz, wobei Iambia mit diesem Meisterwerk der demnächst wieder brütenden Sonne noch ein deutliches Stück näher kommen werden, wenn sie erst mal oben auf dem Electro-Olymp angekommen sind…


Tourbook Depeche Mode Teil I
"Pain and suffering in Germany"
Wie verdammt schnell die Zeit vergehen kann, wird den Fans von Depeche Mode bewusst geworden sein, als es im Spätsommer 2005 wieder zu den üblichen Ticketschlachten nach Verkündung der einzelnen Stationen kam. Es sind tatsächlich wieder mehr als vier Jahre ohne Studioalbum und Tour der Engländer vergangen, welche, den zeitraffenden Effekt noch verstärkend, zumindest von diversen Soloausflügen aller drei Bandmitglieder begleitet wurden. Und so klebte man als Durchschnittsfan wieder stundenlang vor dem Rechner, um ja nicht den Startschuss bei den Online-Kartenhäusern zu verpassen und ein Monatsgehalt nebst Jahresurlaub wie selbstverständlich für das Phänomen, welches Dave Gahan, Martin Gore und Andy Fletcher gemeinsam bilden, zu opfern. Beim neuen Longplayer "Playing The Angel" war man sich auch wieder weitgehend einig: Das ist der Sound, den man von Depeche Mode hören will, natürlich auch live. Es brauchte kaum weniger als einen Tag, um die 250.000 Tickets für die Hallenkonzerte in diesem Winter restlos unter das Volk zu bringen, das in einer Stärke von 10.000 in einer Messehalle oder gleich von 50.000 im Stadion für ausgelassene Stimmung sorgte und dafür eine Band erlebte, die jeden Abend alles gab. Auf den folgenden Seiten lest ihr, wie die ersten Konzerte mit "Mode on the road" in Deutschland verliefen. In der kommenden Ausgabe werden wir aus dem europäischen Ausland berichten.
13.01.2006 Dresden, Messehalle:
Die sächsische Fan-Connection wird nicht schlecht gestaunt haben, als die ersten Tourdaten die Runde machten: Nicht die verwöhnten Leipziger durften wieder ein DM-Konzert mit der Straßenbahn oder bestenfalls zu Fuß aufsuchen, sondern die zahlenmäßig nicht weniger beeindruckend große Schar aus der Hauptstadt Sachsens. Seinen obligatorischen Open Air-Termin, man hört das Aufatmen noch immer, bekam Leipzig erst einige Wochen später.
Der europäische Tourauftakt wurde also in Dresden bei sibirischen Außentemperaturen gefeiert, was vor allem die Wahnsinnigen zu spüren bekamen, die seit den Morgenstunden vor der größten Halle des Messegeländes ausharrten. Doppelte Kontrollen an den Schleusen bestätigten später, was lange im Vorfeld durch die Medien ging: Gefälschte Tickets waren auf dem Markt, und zwar nicht zu knapp.


Covenant
Mission Impossible?
Alljährlich verwandelt der frische Atem des Januars die weltoffene Metropole Berlin in eine zitternde Armverlängerung Sibiriens; doch Schnee, Eis und Frost sollten einem skandinavischen Trio keine großen Sorgen bereiten. Auf der Tagesordnung steht ein Fotoshooting mit Starknipser Ralph Strathmann, der in seiner Karriere schon nahezu die komplette internationale Crème de la crème in den Fokus nehmen durfte. Auch Promotionbilder für das mit Spannung erwartete neueste Covenant Album "Skyshaper" sollen geschossen werden. An einem Markenzeichen der stylischen Electro-Agenten wird sich wohl nie etwas ändern: Die gewohnt eleganten, ja fast schon dandyhaften Anzüge, die am heutigen Samstag in der edelst verzierten Szenerie des Orchesteraufnahmestudios eines teilstillgelegten Rundfunkgebäudekomplexes noch mehr Charme versprühen. Schon während der konzentrierten Session tauchen Vergleiche mit den wohl wichtigsten Pionieren elektronischer Musik auf, die zu ihrer Zeit ebenfalls häufig in vornehmer Garderobe posierten: Die Rede ist von Kraftwerk, den wohl elektrisierendsten Wegbereitern seitdem Schaltkreise Geräusche machen. Stets selbst dem Dernier Cri einen Schritt voraus gekleidet, konnte das deutsche Quartett auf seiner Mission, die Klangwelt der Synthesizer fortdauernd zu revolutionieren, in künstlerische Bahnen gelangen, von denen Nebenbuhler noch nicht einmal zu träumen wagten. Nun, Jahrzehnte später, führen nachgerückte Generationen den stilistischen Entwicklungsexpress, wozu auch Covenant zu zählen sind. Waren ihre eigenen Idole durch deren Technikschwerpunkt vielleicht nur die Roboter der Geburtsstunde, so belebt das schwedische Dreigestirn als wahrhafte Mensch-Maschine die breite, digitale Autobahn; nach Depeche Mode wusste keine andere Formation mehr, einen organischen Seelenstriptease so virtuell zu transformieren, wie Eskil, Joakim und Clas es dem Globus auf "Skyshaper" beweisen…


Lacuna Coil
Ein Traum wird wahr
Zwischen ihrem Erfolgsalbum "Comalies" und der baldigen Veröffentlichung des Neulings "Karmacode" liegen mehr als drei Jahre. Während dieser Zeit sind die Italiener von Lacuna Coil mit Bands wie Danzig und P.O.D. durch die USA getourt und haben mit dem Ozzfest die wohl weltweit größte Festival-Tour gespielt. Ende März geht es erneut über den großen Teich, diesmal werden die Gothic Metaller im Vorprogramm von Rob Zombie zu sehen sein. Die musikalischen und persönlichen Erfahrungen, die Frontfrau Cristina Scabbia und ihre Jungs in Amerika sammeln durften, hinterließen mehr als offensichtlich ihre Spuren und sind als Weiterentwicklung auf dem lang erwarteten neuen Studioalbum des Sextetts zu hören.
"Auf ‚Karmacode' vermischen wir unsere europäischen Einflüsse mit den amerikanischen, und dadurch entsteht eine regelrechte Italienisch Amerikanische Freundschaft", erzählt Frau Scabbia. "Wir haben uns in den vielen Monaten, in denen wir in den USA unterwegs waren, ohne Zweifel von der dortigen Musikszene beeinflussen lassen. Wir fanden zwar schon immer Bands wie Korn und System Of A Down gut, aber wir hatten nie die Möglichkeit, ihren Sound zu reproduzieren, da wir einfach nicht die Zeit, geschweige denn das Geld dazu hatten."
Doch aufgrund des Kassenschlagers "Comalies", welcher allein in den USA mehr als 200.000-mal verkauft wurde, hatten Lacuna Coil nunmehr alle nötigen Mittel, ihre musikalischen Träume zu verwirklichen. "Karmacode" besticht mit einem durchdringenden Klangteppich, geknüpft aus harten Gitarrenriffs, hämmernden Drums, atmosphärischen Keyboards und dem unverwechselbaren Doppelgesang von Cristina und ihrem männlichen Pendant Andrea Ferro. Songs wie der Opener "Fragile", die erste Singleauskopplung "Our Truth", zu der in Los Angeles schon der dazugehörige Videoclip gedreht wurde, oder das majestätische "In Visible Light" ziehen am selben Strang wie einst der Ohrwurm und Radiohit "Heaven's A Lie", und auch auf das Depeche Mode Cover "Enjoy The Silence" darf man gespannt sein.


Placebo
Von Scheinarznei zur Heilkunst
Ein neues Placebo-Album ist immer eine Fahrt ins Ungewisse: Der gegen die Wand gerotzt jaulenden Gitarrenverzweiflung früherer Jahre folgten HipHop- und Disco-Rhythmen im Aufputscher "Black Market Music", um 2004 elektronisch verträumt und Loop-geschwängert mit "Sleeping With Ghosts" eine Atempause einzulegen. Am 10. März veröffentlichen die drei Gentleman-Rocker ihr fünftes Studioalbum "Meds", ein erneuter 180°-Stilwechsel um die eigene Achse. Und während Frontlyriker Brian Molko lasziv haucht "Baby, hast du deine Pillen genommen", stellt sich hier die Frage: Rot oder blau?
Die gefürchtete Diva von einst ist einem freundlichen, gerade etwas abgekämpften Mittdreißiger Molko gewichen, der in diesem Moment darüber grübelt, ob es sich beim Refrain des Titelstücks um ein Filmzitat handeln könnte. "Zumindest nicht bewusst. Die Ideen für einen Songtext kommen meist aus dem Nichts, deshalb kann es nur wenige Stunden, manchmal aber auch Jahre dauern, bis ein Stück fertig ist. Inspiration ist nicht erzwingbar - wie bei einem Schriftsteller, der untätig in Cafés herumsitzt und auf Eingebung wartet. Aber wenn es dann passiert, ist es eine wundervolle Sache", sinniert er schwärmerisch mit ungewohnt weicher Stimme.
Was dem seit Jugendtagen befreundeten Trio nach einer Dekade des gemeinsamen Schaffens zu "Meds" einfiel, ist rau, schnell und ungeschliffen. Sirenen heulen, drohend rät Brian rachelüstern, doch schon mal den Krankenwagen zu rufen, "there's gonna be an accident" lautet die unheilvolle Ankündigung. Zurück zur Gefahr, raus aus der bequemen Sicherheit, so lautet das Motto und zeichnet die Handschrift des französischen Produzenten Dimitri Tikovoi, der bereits mit dem Allstarprojekt Trash Palace sowie jüngst einigen Goldfrapp-Remixen von sich reden machte und mit Placebo für die B-Seiten von "This Picture" und Coverversionen wie dem Kate Bush Klassiker "Running Up That Hill" zusammenarbeitete.


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